Angst, Panik & Job

SW_Chelsea+Francis

Ist es möglich, trotz Panikattacken arbeiten zu gehen? Können Menschen mit einer Angststörung überhaupt Arbeit finden? Was meinen Experten zu diesem Thema? Und was raten sie jemandem, der aufgrund seiner Ängste aus dem (Arbeits)-System gefallen ist und wieder einsteigen möchte?

Diesen Fragen bin ich mal nachgegangen. Weil mich die ganze Thematik interessiert und auch, weil ich wieder erneut vor einem Arbeitsumbruch stehe und für mich persönlich eine gute Lösung finden muss.

Kurz zu meiner Geschichte: Trotz Panikstörung habe ich immer gearbeitet und diverse Weiterbildungen gemacht. Jahrelang habe ich das so durchgezogen, bis die erste grosse Krise mich für einige Wochen aus dem Verkehr gezogen hat. 2 Jahre später folgte dann der zweite Knall: 4 Monate Arbeitsausfall. Hab mich dann wieder aufgerafft und erneut eine Stelle gefunden, konnte dem Druck und meinen Ängsten aber nicht lange standhalten, da sich zusätzlich noch meine Lieblingsangst Agoraphobie (kleiner Scherz, musste sein…),  Derealisationszustände und eine schwere Depression in mein Leben geschlichen haben. Danach ging fast ein Jahr nichts mehr. Sendepause. Knockout.

Dies ist jetzt gut 18 Monate her. Seit Dezember arbeite ich wieder für 2 ganze Tage in einer sozialen Institution und möchte dort am liebsten sesshaft werden. Tolle Kollegen, gute Gespräche, viel viel Herzlichkeit, Verständnis und Kinderlachen. Einziger Knackpunkt ist die Bezahlung. Die ist miserabel. Ich könnte dort 5 Tage die Woche arbeiten und käme nur knapp über die Runden. Heisst für mich: Stellenanzeigen studieren und Bewerbungen schreiben, weil die Versicherung meinen Krankheitsausfall nicht ewig bezahlen wird und auch, weil ich finanziell wieder gerne auf eigenen Füssen stehen möchte.

Genau hier fängt aber das Dilemma an: Bin ich wirklich schon wieder soweit, dass ich mir eine 60-80% Stelle zumuten kann? Oder überfordere ich mich? Traue ich mir das überhaupt zu, bin ich genug belastbar oder mache ich mir was vor? Habe ich mit einer Angststörung überhaupt Chancen auf eine Arbeitsstelle, die meinen Bedürfnissen ein bisschen entgegenkommt? Oder darf ich mir diese Frage gar nicht stellen? Und das Gefährlichste überhaupt: Was, wenn wieder alles schiefläuft? Wenn ich es nicht packe und an der Ecke schon die nächste Krise lauert?

Aufgrund all dieser Gedanken habe ich ein bisschen recherchiert, sprich: gegoogelt. Und was habe ich gefunden? Nada!! Nichts was mir irgendwie weitergeholfen hätte. Keine Tipps, keine wirkliche Hilfe, nur ganz viele Menschen, die sich die gleiche Frage stellen: Wie geht es weiter?

Daraus schliesse ich Folgendes: Angst gehört nicht an den Arbeitsplatz! Und öffentlich darüber sprechen geht schon mal gar nicht. Oder hast Du Dich schon einmal beworben und den Arbeitgeber oder die Chefin während des Vorstellungsgesprächs über Deine Panikattacken informiert? Und wenn ja, hast Du den Job bekommen? Eigentlich wäre genau jetzt der perfekte Zeitpunkt für eine Umfrage. Mach ich aber nicht. Weil ich die Antwort bereits kenne.

Fest steht, wir schweigen. Weil zu vieles auf dem Spiel steht. Weil wir Angst haben die Arbeit oder unser Gesicht zu verlieren und weil wir weiterhin Teil eines sozialen Umfelds sein wollen. Lieber greifen wir zu „Notlügen“, um unsere Ängste zu verbergen. Steht beispielsweise eine Weiterbildung in einer anderen Stadt an oder macht der ganze Betrieb einen Ausflug in die Berge, muss jemand, der im Zug, in der Gondel oder in den Bergen Panikattacken bekommt, zu einer Ausrede greifen oder sich gleich krank melden, um den Schein zu wahren. Dies wiederum führt zu Selbstabwertung und Schuldgefühlen und der eigene Wert, der sowieso schon im Keller ist, löst sich gleich völlig auf. Natürlich können wir uns auch entscheiden, unser eigenes Ding zu machen, selbständig zu werden und die Arbeit unseren Bedürfnissen anzupassen. Ist nicht einfach und nicht jedermanns Sache, aber möglich.

Schlussendlich ist die ganze Geschichte eine Gesellschaftsfrage. Darauf will ich aber nicht weiter eingehen, sonst schläfst Du mir noch ein. Dennoch möchte ich kurz etwas loswerden: Menschen, die an einer Angst-oder Panikstörung leiden, die wollen sich nicht vor der Arbeit drücken! Ganz im Gegenteil. Wir sind durchaus in der Lage einer qualifizierten Arbeit nachzugehen! Wir sind weder beschränkt noch faul noch unzuverlässig, sondern gesegnet mit viel Sensibilität, Empathie, Kreativität und Willen! So, und das kannst Du jetzt ruhig Deinen Vorgesetzten erzählen:)!!!

Was kann ich denn nun tun, damit die Ängste und die Bedenken vor dem grossen Wiedereinstieg etwas besänftigt werden? Wie kann ich mich selber dazu ermutigen, den nächsten Schritt zu gehen, wenn ich von Aussen keine nützlichen Informationen zu diesem Thema bekomme?  Darüber habe ich mir Gedanken gemacht und Folgendes überlegt:

Pro und Contra-Liste schreiben

Welche Vorteile / Nachteile hat eine Festanstellung für mich persönlich? Was habe ich langfristig davon, wenn ich den nächsten Schritt wage? Was habe ich davon, wenn ich mich dagegen entscheide?

Mich erinnern

Was habe ich in meinem Leben eigentlich schon alles erreicht? Welche Fähigkeiten habe ich? Welche Ressourcen? Stärken? Worauf kann ich stolz sein? Welche Hürden habe ich bis jetzt gemeistert?

Sicherheit aufbauen

Da ich nun doch schon etwas länger in meinem alten Job gefehlt habe und so einiges an Wissen verloren gegangen ist, werde ich mir das nötige Know-How wieder Schritt für Schritt aneignen, meine alten Prüfungsunterlagen und diverse Schmöker zum Thema durchlesen.und mir dadurch die nötige Sicherheit erneut zurückerobern. Ist auch wichtig für das Selbstwertgefühl.

Vorbeugen

Wie kann ich mich in Zukunft besser vor Belastungen schützen? Wie kann ich Stressfallen entgehen? Auf was muss und will ich achten? Wie kann ich für psychische Ausgeglichenheit sorgen? Wann finde ich Zeit für kleine und grössere Auszeiten? Was tut mir gut?

Durch diese Strategien bin ich selber aktiv am Geschehen beteiligt, kann die Richtung, in die ich mich bewegen will, steuern und fühle mich dem Ganzen gegenüber nicht hilflos ausgeliefert. Und das ist das Wichtigste überhaupt, bei jeder Form von Angst.

Daumen drück für alle, die sich in der gleichen oder einer ähnlichen Situation befinden! Und mich würde echt interessieren, wie ihr damit umgeht. Also, haut rein in die Tasten!

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6 Gedanken zu “Angst, Panik & Job

  1. Habe ich alles durch. Seit 01.03. habe ich einen neuen Job, bei dem ich mich seit langem endlich wohlfühle. Und seit gestern weiß mein Chef auch, dass ich eine Angststörung habe. Er ist da sehr verständnisvoll und es ist kein Thema. Ich arbeite in einer Arztpraxis.

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    1. Toll, dass es bei Dir so gut geklappt hat:)!! Es ist so wichtig, eine Arbeit zu haben, bei der man sich nicht verstecken und verstellen braucht. Ich wünsche Dir weiterhin ganz viel Erfolg und vielen Dank für Deinen Kommentar!!!

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  2. Liebe Stephanie,
    ich bin gerade über deinen Blog gestolpert und habe diesen Artikel gesehen. Erst einmal: Ich finde es toll, dass du so offen darüber schreibst. Das hebelt deine ganze Selbstbeschreibung „Ich bin ein Angsthase“ mal locker und komplett aus den Angeln.
    Meiner Erfahrung nach gehören Menschen, die trotz Panikstörung aktiv werden, zu den mutigsten Menschen.

    Kurz zu mir: Mein erstes „Date“ mit den unendlichen Weiten der Angst hatte ich mit 16. Ein Alter, in dem andere zum ersten Mal einen pickeligen Jüngling treffen. Jetzt bin ich 31. In den ganzen Jahren dazwischen hatte ich Tage, Wochen, Monate und auch schon Jahre, in denen ich Ängste ausgestanden habe, die mich gefühlt immer nah an meine Verstandesgrenzen gebracht haben. Zehn Jahre habe ich jede erdenkliche Therapie in Angriff genommen – tiefenpsychologisch, Verhaltenstherapie, Reittherapie, Feldenkrais, medikamentös – wirklich alles.

    Derweil habe ich nie aufgehört zu arbeiten. Nie mein Studium unterbrochen. Es ging alles immer irgendwie. Lange war mein Credo: Ein Tag nach dem anderen. Starr den Blick auf den Weg, auf den nächsten Schritt, nie auf den Berg.

    Meine Erfahrung waren diese: Ich habe immer erzählt, was mit mir los ist. Sicher, es gab Menschen, die haben mir bestimmt insgeheim einen „Stell-dich-nicht-so-an“-Stempel aufgedrückt – aber generell waren alle Reaktionen immer positiv. Fast jeder kennt jemanden, der mit diesem Problem kämpft. Viele, viele Menschen haben mit Angststörungen Erfahrungen. Nicht selten, wenn ich jemandem von meinem Leben erzählte, war die Antwort ein regelrechtes Aufatmen zusammen mit „Echt? Das hab ich dir nie angesehen, mir/meiner Freundin/meiner Schwester/meinem Vater geht es auch so!!“

    Bei meiner ersten Festanstellung fragte ich mich mal wieder, wie ich das alles schaffen soll. Damals traute ich mich nicht, direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Der Chef kam irgendwann zu mir und sprach mich an. Er sagte: „Ich glaube, ich weiß, dass du ein Problem hast und dass es dir dein Leben schwer macht. Die beste Freundin meiner Frau kämpft damit genauso. Solltest du irgendwann dringend nach Hause müssen, dann ruf dir einfach ein Taxi. Wenn du es noch schaffst, lege mir einen Zettel auf den Tisch, ansonsten nicht, dann weiß ich auch Bescheid.“
    Ich war sprachlos. Und erleichtert.
    Und ab dem Moment gab es nicht eine Situation mehr, in der ich hätte nach Hause fahren müssen.

    So blöd es klingt – vergleichbar mit Sprüchen, wie „Andere Mütter haben auch hübsche Söhne“, z. B. nach einer schlimmen Trennung – ist die Angst vor der Angst weg, oder zumindest eingedämmt, ist alles leichter. Und das erreicht man oft einfach durch Offenheit. Weil ein Teufelskreis ohne Teufelskreis nicht geht, hat man eben auch oft Angst, überhaupt darüber zu sprechen. Wie reagieren die anderen? Halten die einen jetzt für einen Psycho?

    Kann sein. Es kann immer Leute geben, die so kurzsichtig denken. Aber: Diese Menschen braucht man auch nicht in seinem Umfeld. Wo man auf Unverständnis über die eigenen Probleme, Schwächen und Einschränkungen trifft, ist man einfach falsch. Das gilt auch für einen Job. Das ist kein Verlust für dich, sondern für die anderen. Man ist dort an der besten Adresse, wo man nach seinen Stärken beurteilt wird, nicht nach den Schwächen. Die gehören zu einem, ob einem selbst das nun passt oder nicht. Ich habe mich damit arrangiert. Und wenn die Panikattacken kommen, arrangiere ich mich jedes Mal wieder neu. Ich versuche dann immer zu denken: „Aha, ja, kennen wir schon, jetzt denken wir gleich wieder, dass wir das nicht überleben – na dann los, mach hinne, ich hab nicht ewig Zeit.“ Ich sage nicht, dass das leicht ist. Es ist – verzeih – scheisse schwer. Und ich wünsche es keinem Menschen an den Hals.

    Aber es hat mich zu einem ordentlichem Kämpfer gemacht. Ich denke, ich kenne mich dadurch selbst viel besser, als die meisten sich selbst kennen. (Irgendwelche Vorteile muss das Ganze ja haben.) Ich kenne meine Stärken, ich kenne meine Schwächen noch viel besser – und ich weiß, wo meine Grenzen liegen. Das kann man unglaublich gut für sich nutzen.

    Mittlerweile habe ich mich selbständig gemacht. Ich sah das immer als eine Art „Angst-Königsdisziplin“. Und hey – ich hab’s gerockt. Weil es geht. Weil man ganz genau weiß, wie der nächste Schritt aussehen muss, damit es funktioniert und nicht wieder irgendwelche Nerven anfangen zu zittern. Man betrachtet die Angst als eine Art Sport und setzt sich Ziele. Andere trainieren für einen Marathon, ich setze meiner Angst immer wieder neu die Hörner auf. Das ist natürlich nur meine Art damit umzugehen. Und man läuft nicht medienwirksam in irgendein Ziel ein und Medaillen gibt es auch nicht. Doch egal, welchen Weg man für sich findet: Ich bin überzeugt davon, dass es einen gibt. Solange man offen mit sich umgeht und damit auch anderen die Chance gibt, einen dabei zu unterstützen. Ich kann es deshalb nur jedem raten: Raus damit. 🙂

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    1. Hallo Ani, vielen vielen Dank für Deine Nachricht. Mich berührt sehr, was Du schreibst und gleichzeitig ermutigen mich Deine Worte. Du hast, wie ich, eine lange Geschichte hinter Dir und bist trotzdem am Kämpfen. Hut ab!
      Es ist so, wie Du es beschreibst. Es gibt viele viele Menschen mit einer Angststörung. Anders als Du, habe ich jedoch sehr lange niemanden mit den gleichen oder ähnlichen Symptomen kennengelernt. Vielleicht, weil ich mir lange nichts anmerken liess, vielleicht aber auch, weil sich niemand die „Blösse“ geben und sich „outen“ wollte. Erst durch meinen Blog komme ich mit Menschen in Berührung, die Ähnliches erleben wie ich. Ich bin aber ganz Deiner Meinung: Man sollte auch den anderen eine Chance geben, einen zu unterstützen. Je mehr man sich öffnet und zu sich selber steht, desto leichter wird es, weil man sich selber wieder näher kommt und die Schwere des sich-verstecken-müssen nicht mehr so erdrückend ist.
      Ich finde es toll, dass Du Dich selbstständig gemacht hast! Darf ich fragen, in welchem Bereich? Und wie geht es dir heute?
      Schreib mir doch zurück, wenn du magst. Würde mich darüber freuen.
      Liebe Grüsse an Dich,
      Stephanie

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  3. Hi,

    oh ich kenne das zu gut, leider 😦
    Meine ersten Depressionen hatte ich im Alter von 21 Jahren. Damals hatte ich 1 Jahr Intensivpflege meiner Großmutter während ich gleichzeitig Abitur machen musste, danach eine Ausbildung und Hilfe bei der Pflege von Urgroßmutter und Urgroßvater mit gleichzeitiger Scheidung der Eltern hinter mir. Ich funktionierte nur noch, kümmerte mich nur noch um Andere und habe eigentlich nicht mehr gelebt. Nach meinem Zusammenbruch habe ich meine Ausbildung auf Anraten des Arztes gekündigt (wodurch ich noch heute und wohl bis zur Rente meine Bezüge die ich in der Ausbildung erhielt zurückzahlen muss, da ein Ausbildungsabbruch aufgrund Hochzeit keine Rückforderung beinhaltet, ein Ausbildungsabbruch aus gesundheitlichen Gründen aber schon – ich habe aber auch hier langsam keine Kraft mehr dagegen anzukämpfen da ich gegen Mauern renne, man will meinen Fall nicht erneut prüfen, mein damaliger Arzt ist mittlerweile gestorben, ich habe eine gutachterliche Stellungnahme eines Psychologen/Psychiaters aber man hört mich nicht an).

    Ich war 5 Jahre lang arbeitslos und bekam keine Arbeitslosenunterstützung und kein Hartz 4 weil mein damaliger Freund „zuviel“ verdient hat und wir in eheähnlicher Gemeinschaft lebten. Auf Bewerbungen hin bekam ich zu 98% keinerlei Rückmeldung und sonst eigentlich nur Absagen, bis auf 1 einziges Vorstellungsgespräch nach eben diesen 5 Jahren. Ich bekam den Job. es ging mir psychisch wieder gut und der Horror begann.

    Ich erlebte vom ersten Tag an Mobbing welches immer weiter zunahm. Nach der langen Arbeitslosigkeit wollte ich den Job nicht verlieren und wollte es aussitzen aber es wurde unerträglich. Gespräche mit Chefs, Regionalleiter und Geschäftsführung blieben ohne Erfolg und das obwohl Kollegen als Zeugen für mich ausgesagt haben. Nach 4 Jahren Mobbing machte sich auch der Körper bemerkbar. Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Schlaflosigkeit, Nierenkoliken, Entzündungen überall und die Depressionen waren zurück. Dann der Zusammenbruch nach 5 Jahren Mobbing. Krankschreibung, Nottermin beim Psychologen, sofortiger Therapiebeginn ohne Wartezeit, …
    Das Krankengeld lief im Januar aus, ich befinde mich noch immer in Therapie, habe gute Tage und schlechte Tage wobei die schlechten Tage überwiegen. Bei mir wurde eine Behinderung von 40 Grad anerkannt und der Amtsarzt bescheinigt mir eine dauerhafte Leistungseinschränkung, verlangt einen geräuscharmen Arbeitsplatz ohne Nacht- oder Wechselschichten. Seit Mai gelte ich nun offiziell als arbeitslos.

    Ich WILL arbeiten soviel steht fest aber an schlechten Tagen ist es mir nicht möglich Stellenangebote zu durchforsten weil mich dann die Angst überkommt. Angst ob ich der Arbeit überhaupt wieder gewachsen bin, Angst davor, dass mich dort wieder Mobbing erwartet. Regelrechte Panik den Anforderungen ohnehin nicht gewachsen zu sein und dann zu scheitern und noch tiefer zu fallen. Lese ich dann Stellenangebote fängt das Weinen an. Ich sitze vor dem PC, fühle mich hilflos, hoffnungslos, voller Angst, weine, zitter, mir wird übel und ich bekomme Panik. Panik vor oben genannten Punkten und gleichzeitig Panik davor überhaupt keinen Job mehr zu finden. Dazu ist man so abhängig. Wir würden gerne noch unsere Hochzeitsreise nachholen, die Sonne und die andere Umgebung täten mir gut, tja nur kann man erst 10 Tage vor einer geplanten Ortsabwesenheit beantragen dass einem diese bis zu maximal 21 Tagen im Jahr genehmigt wird. Den Entscheid hat man dann ggf. 4 Tage vorher in der Post. Wie soll man so eine Hochzeitsreise planen und buchen? Das ist nicht möglich und auf gut Glück, mit der Unsicherheit ob man was findet oder nichts findet Last Minute komme ich nicht klar, das versetzt mich jetzt schon in Panik und treibt mir die Tränen in die Augen. Diese Hilflosigkeit, dass man als Arbeitsloser nichts wert ist und eigentlich wie ein Gefangener mit täglichem Ausgang im Knast sitzt, der sich aber über Nacht in der Zelle sitzen und immer erreichbar sein muss. Sicherlich geht die Jobsuche vor allem Anderen aber auch der Mensch, insbesondere die Menschlichkeit selbst sollte nicht zu kurz kommen.

    Meine Diagnose sind Depressionen, PTBS, PTVS und Angststörungen. Dazu kommt der unerfüllte Kinderwunsch und die Diagnose, dass mein Mann nahezu vollständig unfruchtbar ist und es bei mir auch nicht viel besser aussieht. Durch das Alter meines Mannes werden eventuelle Fruchtbarkeitsbehandlungen von keiner Krankenkasse getragen und sprengen somit schlichtweg das Budget, zumal sie ja auch psychisch obendrein eine Belastung wären. Die ungewollte Kinderlosigkeit aber natürlich ebenso. Jedes Jahr ab September wird es generell schlimmer, da ich dann auch wieder einen Antrag auf Ratenzahlung bei meinem damaligen Ausbilder beantragen muss, einen kompletten Vermögensstriptease mit eidesstattlicher Versicherung ablegen muss und dann monatelang darauf warten muss ob eine Verlängerung der Ratenzahlung genehmigt wird oder ich in die Insolvenz gehen müsste, was ich aber in keinem Fall möchte. Mein Kampf um eine erneute Prüfung bleibt einfach weiter erfolglos, es heißt immer nur ich hätte direkt danach Klage beim Verwaltungsgericht einreichen müssen, nur war ich damals dazu gesundheitlich gar nicht in der Lage und hatte nur einen Widerspruch eingelegt. Ich fühle mich einfach verarscht vom Leben, alles was ich anpacke geht entweder direkt schief oder später schief und hat dann aber noch lebenslange Konsequenzen für mich die mich jedes Jahr mehr belasten.

    Die Angststörungen zeigen sich dadurch, dass ich nur bei Tageslicht aber keinesfalls in der Dämmerung oder Dunkelheit vor die Türe kann. Das höchste der Gefühle ist, dass ich schnell ins eigene Auto sprinte und dann wohin fahre. Zu Fuß zur Bushaltestelle oder S-Bahn, zu solchen Zeiten öffentliche Verkehrsmittel fahren o.Ä. sind der absolute Horror für mich. Ich habe Angst vor Übergriffen, wohl deshalb weil ich schon einen sexuellen Übergriff erlebt habe und diese Bilder in solchen Situationen vor Augen sehe. Ich brauche also einen Arbeitsplatz mit eigenem Parkplatz aber meist wird wenn überhaupt ein Jobticket angeboten. Sicherlich würde ich auf eigene Kosten einen Parkplatz anmieten aber der muss direkt am Büro liegen.
    Ich brauche ein eigenes Büro um auch mal die Türe schließen zu können wenn es mir zu laut oder zu umtriebig wird. Ich kann nicht telefonieren wenn jemand mit im Raum ist und/oder zuhört, da fange ich an zu stottern, habe einen Blackout, kriege Schweißausbrüche etc.

    Tja, klingt alles danach als wäre ich nicht arbeitsfähig oder? Die Ärzte sagen aber ich solle wieder arbeiten und ich selbst will es ja auch.
    Ich habe eine abgebrochene Ausbildung zur württembergischen Bezirksnotarin (3 Jahre Ausbildung bis zum Abbruch, 5 Jahre wären es regulär, lebe nun in Düsseldorf), kann super mit Microsoft Office, Bildbearbeitungsprogrammen, dem Internet umgehen. Ich kann Urkunden und Verträge aufsetzen (insbesondere im notariellen Bereich), ich kann schnell tippen und mich mit Hingabe der Aktenverwaltung (Papier und elektronisch) widmen. Ich bin zu Überstunden bereit und gebe wirklich alles wenn mir ein Job Spaß macht und ich mich wohlfühle. Ideal wäre für mich für den Anfang wohl die Kombination aus Büro und HomeOffice, so dass ich an schlechteren Tagen von daheim aus arbeiten kann und an guten Tagen raus komme und so auf Dauer vielleicht mehr gute Tage erlebe und mir wieder besser geht.

    Nur wer gibt einem diese Chance? Hat vielleicht irgendjemand eine Idee und weiß jemanden der Unterstützung im Büro benötigt. Einfach nur, dass man sich und auch Anderen beweisen kann, dass man noch für etwas taugt, dass man gebraucht wird und nicht nur nutzlos und auf Andere angewiesen ist. Selbständigkeit habe ich mir auch schon überlegt aber Angst vor dem Scheitern. Ich habe so viele Selbständige um mich herum scheitern sehen und brauche einfach die „Sicherheit“ einer Anstellung.

    Ich gebe die Hoffnung selbst nicht auf aber es ist sehr schwer dies nicht zu tun. Ich schreibe weiterhin Bewerbungen an meinen guten Tagen und hoffe in einem persönlichen Gespräch überzeugen zu können aber die Angst wird bleiben und die Angst kann nur weggehen wenn man einen Job findet und akzeptiert wird, wieder ins Leben selbst zurückfinden kann und merkt, dass man gebraucht und Ernst genommen wird.

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    1. Liebe Manu, zuerst einmal vielen lieben Dank für deine Nachricht. Ich hoffe, es hat dir gut getan, etwas Dampf abzulassen. Da liegt ja ganz schön viel im Argen bei dir.Wenn ich deine Geschichte so lese, merke ich förmlich, wie du kämpfst und kämpfst und doch führt es dich nicht dorthin, wo du eigentlich hin willst. Ich kenne das so gut mit der ganzen Bürokratie, mit der Arbeit, mit dem Kämpfen. Ich kam aber irgendwann an den Punkt, an dem ich alles andere ausgeblendet habe und nur noch mich in den Mittelpunkt stellte. Einerseits, weil ich nicht mehr anders konnte und andererseits, weil der ewige Kampf gegen das, was im Moment ist, alles noch schlimmer macht. Ich bin nicht ganz deiner Meinung, dass die Angst nur weggehen kann, wenn man einen Job findet und akzeptiert wird. Natürlich tut es gut, gebraucht zu werden und etwas zu tun, dass wieder Selbstvertrauen gibt. Aber deine Angst dreht sich ja nicht nur um den Job, sondern auch um die Dunkelheit, öffentliche Verkehrsmittel und so weiter…Ich selber musste erst mal zur Ruhe kommen, mich selber besser verstehen, die Angst verstehen und und und, und erst jetzt mit einer gewissen Stabilität fühle ich mich wieder bereit, mir Gedanken darüber zu machen was ich eigentlich in Zukunft will. Vorher, wenn du voll im Chaos drin bist, ist das ja noch gar nicht möglich! Verstehst du was ich meine? Setz dich nicht so unter Druck! Du musst niemandem etwas beweisen. Auch dir selber nicht. Aber gut zu dir schauen musst du, wenn du wieder stabil werden willst. Das ist das Einzige was zählt! Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe und drücke dir die Daumen!!
      Stephanie

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