Zwischen Einbildung und Realität oder das kleine Zitronen-Experiment

Stell Dir einmal vor:

Vor Dir liegt eine gelbe, saftige Zitrone.

Jetzt nimmst Du sie in Deine Hand und riechst daran.

Nun schneidest Du die Zitrone in zwei Hälften, der Saft fliesst heraus.

Du nimmst eine Hälfte in die Hand und hältst sie wider an Deine Nase. Deutlich kannst Du nun die Säure riechen.

Und nun stellst Du Dir vor, wie Du in die Zitrone beisst.

Du kannst Dich später fragen, wie ich darauf komme, hier von Zitronen zu sprechen. Schliesse zuerst Deine Augen und stell Dir den gesamten Ablauf ganz genau vor.

Jetzt.

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Na? Nicht geschummelt?

Ist Dir etwas aufgefallen? Und hast Du bemerkt, was da bei Dir passiert ist?

Als mir dieses kleine Experiment letzthin in die Hände gefallen ist, war ich gerade dabei zu warten. In einer Arztpraxis. Ich hatte genügend Zeit, mich durch verschiedene Heftchen durchzublättern und über einen Beitrag zu stolpern, in dem es um die Kraft unserer Vorstellung und eben auch um diese kleine Zitronen-Übung ging. Ich startete also den Versuch und fing an, das Ganze wie beschrieben zu visualisieren.

Kleine Nebenbemerkung: Viele von uns, ich eingeschlossen, sind nicht wirklich Meister darin, uns die Dinge lebhaft vorzustellen. Ausser es sind Vorstellungen darüber, was alles schief laufen oder uns ängstlich machen könnte. Da läuft es plötzlich wie geschmiert. Das typische „Was wäre, wenn“- Denken. Ist das bei Dir auch so:)?

Während der Visualisierung habe ich 2 Veränderungen an mir beobachten können:

1. Der Gedanke an Zitronen liess meinen Speichelfluss so richtig fliessen. (Könnte eventuell eine gute Strategie sein, wenn man aus Angst einen trockenen Mund bekommt. Ist sicher einen Versuch wert.)

2. Durch den gedanklichen Biss in die Zitrone und die Vorstellung darüber, wie sauer das Ganze jetzt sein wird, zog sich mein Gesicht ganz automatisch zusammen, als könnte ich die Säure wirklich schmecken.

Ich habe mich also gefühlt, als wäre meine Vorstellung die Wahrheit! Und mein Körper hat auf diese „Wahrheit“ reagiert. Ob sie nun echt ist oder ob sie rein in meiner Phantasie existiert, spielt dabei keine Rolle. Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen Realität und Einbildung. Dies ist ihm, sorry… scheissegal. Unser Gehirn reagiert nur auf das Futter, das wir ihm geben und verarbeitet alle Informationen so, als wären sie real.

Unser Gehirn kann nicht zwischen Realität und Einbildung unterscheiden! Unser Körper reagiert auf alle Gedanken und Vorstellungen, seien sie nun bestärkend oder entmutigend.

Wie wir in den Wald hinein schreien, so schallt es eben wieder heraus. Nur…wenn das so einfach wäre. Ich weiss selber ganz genau, wie schwierig es ist, sich von angstbesetzten Gedanken und Vorstellungen zu lösen. Je länger wir unter Panik oder Angst leiden und je öfter wir uns das Schlimmste ausmalen, desto mehr verankern sich diese inneren Bilder in unserem Kopf und werden so zur Gewohnheit, die sich nur schwer und nur mit viel Training wieder verändern lässt. Aber möglich ist es, soviel steht fest.

Ich habe in den Jahren meiner Panikstörung eine Form der Vorstellungsübung kennengelernt, die ich für hilfreich ansehe. Keine Vogelgezwitscher-Wind im Haar-oder Sand unter den Füssen-Visualisierungsübung, die mich persönlich nicht weiterbringt, sondern eine mentale Übung, die mich darauf vorbereiten kann, schwierige Situationen besser zu meistern:

Kleiner Tipp: Bevor Du Dich jetzt wild drauflos stürzt, entspann Dich zuerst und komm etwas zur Ruhe. Es ist schwierig, sich in einem nervösen und unruhigen Zustand auf etwas zu fokussieren. Vielleicht findest Du in meinem Beitrag „3 blitzschnelle Entspannungstechniken für unterwegs“, die für Dich passende Entspannungsübung oder Du hast bereits Deine Lieblings-Technik, die Du jetzt einsetzen kannst.

Die Bewältigungsvorstellung

Bei der Bewältigungsvorstellung darfst Du Dich so richtig in Deinen schlimmsten Befürchtungen und Katastrophengedanken suhlen. Wir machen das oft genug, hier hast Du nun die offizielle Erlaubnis:). Einziger Unterschied und ganz wichtig dabei ist: Du musst Deine Gedanken zu Ende denken! Allzu oft ist es nämlich so, dass wir uns alles Mögliche vorstellen und wenn es richtig heikel wird, die Gedanken stoppen und abbrechen, weil wir auch in Gedanken nicht mit unseren schwierigen Gefühlen konfrontiert werden wollen.

1. Such Dir eine Situation aus, in der Du Dich anders fühlen oder Dich anders verhalten möchtest.

2. Mach Dir einen Einsatzplan und schreib Dir auf, was Du im Notfall konkret tun kannst. Hast Du beispielsweise Angst vor einem Panikanfall, dann überlege Dir, was Du tun kannst, um die Panikgefühle nicht noch weiter aufzuputschen. Eventuell können Kärtchen mit beruhigenden Sprüchen helfen. Oder die Konzentration auf die Atmung.

3. Da Du Dir schwierige Situationen ausmalst, solltest Du besonders behutsam vorgehen. Setz dich nicht unter Druck. Wird die Angst während der Vorstellungsübung  zu heftig, dann stoppe Deinen inneren Film, richte Deine Aufmerksamkeit auf die Realität und warte, bis du wieder entspannter bist.

4. Stell Dir vor, dass Du Dich jetzt in dieser Situation befindest. Was siehst Du? Was hörst oder riechst Du? Was spürst Du?

5. Lass Deine Gefühle und Deine körperlichen Symptome zu. Versuche, all Deine Reaktionen bewusst zu spüren. Die Atemnot, das Herzrasen, Dein Schwindel, der Drang zu flüchten…

6. Setz nun in Gedanken Deine Bewältigungsstrategien ein, die Du Dir vorher ausgesucht hast. Sprich beruhigend mit Dir selber, konzentriere Dich auf Deinen Atem, Deine Körperhaltung und versuche Deinen Körper zu entspannen. Bleib in der Situation bis Du ruhiger wirst.

7. Im letzten Teil der Visualisation stellst Du Dir nun vor, wie Du das tun oder sagen willst, was Du in dieser Situation am liebsten tun oder sagen möchtest. Geht es in Deiner Vorstellung zum Beispiel darum, vor vielen Menschen eine Präsentation halten zu müssen und ist Deine schlimmste Befürchtung die, den Faden zu verlieren und keine Kontrolle mehr zu haben, dann kannst Du Dir jetzt überlegen, wie Du am besten damit umgehen kannst und dies in Deine Vorstellung einbauen.

8. Wenn du die Übung beendest, bleibe noch etwas sitzen und lasse das Ganze auf Dich wirken. Du kannst Dir auch hier wieder Notizen machen

Viele unserer Einstellungen und Gedanken werden zur Gewohnheit, weil wir sie nicht hinterfragen und als gegeben hinnehmen. Es braucht Zeit, Geduld und auch Training, bis sich alte Gedankensmuster verändern. Nimm Dir diese Zeit und sei nachsichtig mit Dir selber. Auch wenn das manchmal schwierig ist.

Und denk daran: Gibt das Leben Dir Zitronen, frag nach Strand und Melonen!!! Oder wars Salz und Tequila:):)???

 

 

 

 

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