Wenn Du möchtest, aber nicht kannst – Mit eigenen Begrenzungen klarkommen

Stell Dir vor, Du möchtest etwas wirklich gerne erleben. Du weisst, dass es Dir Spass machen, Dir gut tun oder Dich glücklich und zufrieden machen würde. Du ahnst, dass genau dieser Schritt, der jetzt vor Dir liegt, Deine Zukunft wenigstens ein bisschen verändern könnte. Einfach in dem Du es tust. Und über Deinen Schatten springst.

Raus aus dem Trott, rein in das Leben! Ohne Seil und doppelten Boden. Einfach springen, spontan entscheiden, Hirn ausschalten, machen.

Eigentlich ist es ganz leicht. Du weisst genau, es ist alles nur eine Frage der Einstellung. Und der Selbstüberwindung. Aber Du kannst es nicht. Du kannst Deine Befürchtungen, Deine Zweifel und Deine Unsicherheit nicht loslassen. Die Angst vor der Angst ist zu gross. Die inneren Bilder haben das Kommando bereits übernommen.

Die Konfrontation mit eigenen Begrenzungen wird sehr oft von aussen ausgelöst. Alle gefühlte 5 Minuten postet jemand aus dem „Freundeskreis“ ein tolles Bild aus dem noch tolleren Urlaub, dem geilsten Festival , dem besten Städte-Trip aller Zeiten oder sonstigen Events und Lebensumständen, die der Welt unbedingt mitgeteilt werden müssen. Selfies aus dem Flugzeug, Yoga auf Ibiza, Stempelsammlung auf dem Jakobsweg (sorry:), will niemandem auf den Schlips treten)…und uns Angsthasen werden die Einschränkungen unseres Lebens schmerzhaft bewusst:

Warum können die das und ich nicht? Was stimmt nicht mit mir? Warum ich? Was in meinem Leben ist eigentlich schief gelaufen? Wie konnte es soweit kommen?

Und genau ab jetzt wird es übel. Das Rad der Selbstzerfleischung beginnt sich zu drehen, der innere Kritiker nimmt den Knüppel aus dem Sack, stampft uns in den Boden und zeigt uns gnadenlos, was für Looser wir doch sind.

Auch die eigene Beziehung oder unsere Freundschaften können sich durch unsere inneren Begrenzungen als schwierig gestalten, weil wir uns mit dem identifizieren was wir nicht- tun- können, statt damit, wie wir als Menschen sind und was für Qualitäten wir mitbringen. Dadurch fragen wir uns, was wir der anderen Person eigentlich bieten können, fühlen uns unzulänglich, uninteressant und wertlos.

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Unsere Begrenzungen sind deshalb so schwer auszuhalten, weil verschiedene tiefe Emotionen mit im Spiel sind, die alle beachtet werden wollen. Trauer, Neid, Wut, Hilflosigkeit, Unzufriedenheit, Demütigung…und und und. Wenn ich persönlich an den Punkt komme, an dem ich eigentlich etwas tun möchte, aber nicht tun kann, dann zeigen sich bei mir zwei Gefühle besonders stark: Einsamkeit und Scham.

Einsamkeit erlebe ich als ziemlich schmerzvoll. Es vermittelt mir das Gefühl nicht dazuzugehören und abgeschnitten zu sein vom Rest der Welt. Für uns soziale Wesen kann das sehr belastend sein, weil wir uns alle nach Liebe und Geborgenheit sehnen. Gerade dann, wenn wir nicht aus unserer Haut können und uns eigentlich jemanden an unserer Seite wünschen, der uns ohne Wenn und Aber beisteht und uns so mag, wie wir sind, kann das Gefühl der Einsamkeit sehr bedrückend sein.

Wenn ich mich einsam fühle, gibt es nur eines: Ich versuche mir selber die Liebe zu geben, die ich gerade brauche. Was mit dem Begriff Selbstliebe eigentlich genau gemeint ist, habe ich lange nicht gecheckt. Ich konnte mir das irgendwie nicht geben und habe es deshalb auch nicht verstanden. Langsam aber spüre ich, um was es geht und habe keine Scheu mehr davor, mir selber Geborgenheit zu schenken.

Mein wichtigster Vorschlag zum Thema Einsamkeit:

Nimm Dich selber in den Arm. Und das meine ich ganz wortwörtlich. Wenn Dich niemand sonst umarmt, dann wenn Du es dringend brauchst, mach es selber! Halte dich. Sprich mit Dir. Weine, wenn Du weinen musst. Jammere, schreie, schimpfe. Alles hat Platz. Aber lenke Dich nicht ab. Bleib bei Dir und Deinem Gefühl, bis Du ruhig wirst und sich die Schwere in Deinem Bauch/Kopf/Herz leichter anfühlt.

Diese „Übung“ hat mich schon oft über einsame Momente hinweg gebracht und ich kann sie sehr empfehlen. Wer mich kennt weiss, dass ich sehr eigen bin, wenn es um Wald-Wiesen-Blümchen-Dinge geht. (Anderes Wort für Esoterik:). Heisst nicht, dass ich keine spirituelle Ader habe, ich gehe einfach vorsichtig damit um). Aber hinter dieser Sache kann ich stehen.

Wenn es um meine eigenen Begrenzungen geht, ist die Scham meistens mit von der Partie. Es beschämt mich, nicht alle Dinge tun zu können, die andere Menschen scheinbar ganz sorglos unternehmen. Und es beschämt mich noch mehr, wenn andere mitkriegen, dass ich nicht alles mitmachen kann und „anders“ ticke. Wenn ich mich selber als Person abwerte oder glaube, nicht in Ordnung zu sein, weil ich dieses und jenes nicht locker flockig bewältigen kann und somit meinen eigenen Erwartungen nicht entspreche, dann lässt die Scham nicht lange auf sich warten.

Heisst andersrum: Sich zeigen, wie man ist, kann die Scham verringern. Sich als Ganzes zu sehen und nicht in erster Linie das eigene Verhalten zu beurteilen, kann dabei helfen, sich von beschämenden Gedanken zu lösen. Wir sind ja als Mensch nicht weniger wert, nur weil wir etwas nicht machen können. Das hat mit unserem Wesen rein gar nichts zu tun, sondern mit unserem Verhalten und Denken. Und dort sollten wir unterscheiden lernen. Auch ich:).

Wenn ich mich dabei ertappe, dass Schamgefühle hochkommen, ich mich selber verurteile und mich als Versager beschimpfe, überlege ich mir immer öfters, wie ich reagieren würde, wenn jemand anderes in meiner Situation wäre. Würde ich diesen Menschen verspotten, schlecht machen oder nach seinem Verhalten beurteilen? Würde ich ihm die kalte Schulter zeigen, lieblos behandeln und mich von ihm abwenden? Nein!!! Ich würde diesem Menschen Zuwendung geben, ihn halten, seinen Lieblingstee zubereiten und zeigen, dass ich für ihn da bin. So einfach und so selbstverständlich.

Wie wäre es, wenn wir mit uns selber ebenso viel Nachsicht hätten?

Wie wäre es, wenn wir uns selber so liebevoll behandeln würden, wie einen wichtigen Menschen?

Was wäre, wenn wir zu uns selber und zu jeder einzelnen Emotion, die wir im Moment fühlen einmal „JA“ sagen würden?

Was würde passieren, wenn wir unsere innere Begrenzung einfach annehmen würden? Genauso wie sie sich zeigt? Ohne etwas verändern zu wollen?

Was meinst Du?

 

 

 

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2 Gedanken zu “Wenn Du möchtest, aber nicht kannst – Mit eigenen Begrenzungen klarkommen

  1. Ein wunderbarer Artikel.

    Nicht nur unserer Angst müssen wir ins Gesicht sehen und sie annehmen, sondern auch uns selbst. Das Eine geht nicht ohne das Andere.
    Wenn in einem Tränen sind und Selbstmitleid und diese … Einsamkeit dann darf ich auch weinen, denn ich bin die die es spührt und die es betrifft.
    Wie du aber geschrieben hast:“ … Aber lenke Dich nicht ab. Bleib bei Dir und Deinem Gefühl, bis Du ruhig wirst und sich die Schwere in Deinem Bauch/Kopf/Herz leichter anfühlt.“
    Nimm dich genauso wahr wie deine Angst.

    Man sollt auch wirklich nicht zu sehr an Andere herantreten und um trost bitten, weil einem da die Angst wieder ein Bein stellen kann in dem sie andere Menschen zu problemlösern machen will.
    Ich will auf keinen Fall sagen das man nicht mit guten Freunden reden soll/darf, im Gegenteil, für mich habe ich leider festgestellt das Freundschaften ein nach Außen getragenes Leiden und lamentieren nicht auf Dauer überlebt und daueren das wird es.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Ashahie:)!
      Ich denke auch, dass man nicht alles nach aussen tragen sollte, da es Freundschaften doch sehr belasten kann. Wichtig ist aber, trotzdem jemanden zu haben, dem wir unsere Ängste und Schwierigkeiten anvertrauen können. In einer Therapie zum Beispiel.
      Diesen Weg alleine zu gehen ist meines Erachtens zu schwierig und zu komplex.
      Ich stimme Dir voll zu: Das Eine geht wirklich nicht ohne das Andere. Wir sollten lernen, alles an uns anzunehmen.

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