Buchtipp – Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt

Kennst Du diese Momente, in denen Dir das Leben ganz unvorbereitet einen heftigen Schlag versetzt?

Momente, die manchmal von einer Minute auf die andere alles aus den Angeln reissen, was Du Dir an Sicherheit aufgebaut hast?

Situationen, die Dich völlig aus der Bahn werfen und Dich straucheln, manchmal stürzen lassen?

Klar kennst Du sie. Wir alle haben unser Päckchen zu tragen und so einige grössere und kleinere Schicksalsschläge erlitten.

Eine Krankheit, ein plötzlicher Unfall, die Trennung eines geliebten Menschen, Jobverlust…all diese Ereignisse können unser Leben und unseren Alltag komplett verändern und unser Vertrauen in uns selber, unseren Selbstwert und vor allem auch unsere innere Stabilität massiv erschüttern.

Die Frage ist, wie gehen wir damit um?

In den letzten Wochen lief bei mir so ziemlich alles schief. Schlag auf Schlag sozusagen. Prognose Tinnitus, erneuter Arbeitsausfall, heftige innere Kämpfe und depressive Phasen. Verstärkte Angstgefühle. Mein Männchen in Thailand auf Reisen, mein Teenie-Monster kaum Zuhause. Und wenn, dann ausschliesslich zur Kühlschrank-Inspektion oder Geld-Übergabe. Eine Schleimbeutel-Entzündung eingefangen und dadurch kein Joggen, keine Wanderungen, kein gar nichts. Nicht mal Frust-Shopping.

Heisst: Ganz viel Zeit mit mir selber, die ich nicht richtig geniessen kann, weil ich mir die Dinge anders wünsche als sie sind. Und ganz viel Frust, weil ich mit der jetzigen Situation wie sie ist, nur schlecht umgehen kann.

Russ Harris, der Autor von „Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt“, beschreibt diesen Zustand als Realitätskluft. Auf der einen Seite ist da die Realität, die wir haben und auf der anderen Seite die Realität, die wir wollen oder die wir uns wünschen. Je grösser die Kluft zwischen diesen beiden Realitäten ist, desto schmerzhafter sind unsere Gefühle und desto leichter produziert unser Kopf all die negativen Gedanken, die uns dann leiden lassen.

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Sind wir einmal mit dieser Realitätskluft ( bei mir fühlt es sich eher wie eine innere Leere an) konfrontiert, wollen wir da wieder raus. Am liebsten so schnell wie möglich. Zum einen, weil wir Schmerzen, welcher Art auch immer, nur schwer ertragen können und zum anderen ist es unglaublich schwierig, sich selber anzunehmen, wenn wir dem Leistungsdruck nicht länger standhalten können. Das Gefühl versagt zu haben und aus dem gängigen Raster zu fallen, ist zutiefst beschämend. Ich weiss nicht, wie Du das siehst, aber für mich ist dieses Gefühl des Scheiterns kaum zu ertragen.

Mein Selbst-oder Wunschbild, das ich von mir habe und die Realität wie sie ist, driften also auch hier völlig auseinander und solange ich die momentane Situation und mich, wie ich jetzt bin, nicht akzeptieren kann und mich an meinem vergangenen, stabileren und stärkeren Ich festklammere, solange werde ich einen inneren Kampf führen, der mich schlussendlich völlig auslaugen wird.

Huch, jetzt bin ich aber ziemlich abgeschweift! Was ich eigentlich sagen wollte ist: Es bleibt uns nicht anders übrig, als die Realität anzunehmen. Punkt. Alles andere funktioniert einfach nicht!

Russ Harris hat dazu eine Strategie entwickelt, die aus 4 Schritten besteht:

  • Freundlich mit sich umgehen
  • Den Anker werfen
  • Eine klare Haltung einnehmen
  • Den Schatz finden

Freundlich mit sich umgehen

Wir alle wissen, was das eigentlich bedeutet mit dem Freundlich sein. Wir sind es auch, aber meistens nicht mit uns selber. Uns behandeln wir wie den letzten Arsch. Natürlich nicht immer, aber meistens dann, wenn wir eh schon halb am Boden liegen. Mit sich selber freundlich sein bedeutet aber nicht nur, sich zu unterstützen, zu trösten und zu schätzen. Es bedeutet auch, präsent zu sein mit dem was jetzt gerade passiert und anschliessend zu handeln, indem wir versuchen, uns aus dem „Gedanken-Smog“ herauszuziehen.

Dies können wir laut Harris erreichen, indem wir zuerst wahrnehmen, was unser Kopf tut, in welche Gedanken er uns hineinzieht  und dann beobachten, wie wir darauf reagieren. Wir treten also einen Schritt zurück, halten unseren inneren Film kurz an und nehmen wahr, wie sehr wir mit unseren Gedanken verfangen sind.

Anschliessend können wir unsere Gedanken benennen. Sind wir non-stop am Grübeln, kann es helfen, wenn wir das Chaos im Kopf auf einen Nenner bringen, so dass wir uns von den vielen Worten und Gedanken, die uns verwirren, etwas lösen können: „DENKEN“, „SORGEN“, „GRÜBELN“…oder auch „Aha, die Geschichte kenne ich doch“, „Der alte Film schon wieder“, „Interessante Story“.

Wahrnehmen, beobachten und benennen. So bekommen wir Abstand und können vielleicht auch sehen, dass unser Kopf einfach Bilder und Worte produziert, die wieder vorüberziehen werden.

Den Anker werfen

Es ist alles andere als leicht, stabil zu bleiben, wenn unsere Gefühle über uns hereinbrechen. Für mich persönlich ist dies das Schwierigste überhaupt. Wenn der Sturm kommt, bin ich die Erste, die die Flucht ergreift und mich umnieten lasse. Deshalb ist die Widerstandskraft (Resilienz) in meinem Leben ein grosses Thema.

Auch hier ist das Zauberwörtchen die Präsenz. Wenn wir es schaffen, trotz allem in der Gegenwart zu bleiben und uns verbinden mit dem was wir tun und mit dem, was um uns herum passiert, dann wird auch der schlimmste Sturm vorüberziehen.

Harris empfiehlt hierzu eine kleine Übung, die wir zu jeder Zeit und an jedem Ort und immer dann, wenn die Gefühle uns zu überschwemmen drohen, anwenden können:

Nimm Dir 5 – 10 Sekunden Zeit.

Stemm Deine Füsse in den Boden und richte Deine Wirbelsäule auf.

Nimm dabei einen langen, tiefen Atemzug.

Blick umher und registriere 5 Dinge, die Du sehen kannst.

Lausche genau und registriere 5 Dinge, die Du hören kannst.

Nimm wahr, wo Du bist.

Nimm wahr, was Du gerade tust.

Sich mit etwas zu verbinden und die ganze Aufmerksamkeit darauf zu richten, ist eine ganz wunderbare Sache, um die eigenen Gefühle besser aushalten zu können. Ich mache das ganz automatisch, wenn ich nicht mehr weiss, wo oben und wo unten ist. Dann kann es schon vorkommen, dass ich (völlig uncool)  zwei Stunden am Stück Kreuzworträtsel löse, bis sich mein Oberstübchen wieder beruhigt und der innere Sturm sich etwas gelegt hat.

Verbinde Dich in solchen Momenten mit etwas, was Du gerne tust und Deine volle Konzentration in Anspruch nimmt. Wenn Du mehr darüber erfahren möchtest, schau mal nach unter: https://mutzone.wordpress.com/2015/04/10/zwei-schritte-vorwarts-ein-schritt-zuruck/

Eine klare Haltung einnehmen

Wenn uns das Leben einen Schlag versetzt, dann sind wir am straucheln, wir sind verwirrt, haben Angst und ziehen uns zurück. Wir fühlen uns nicht mehr sicher, denn an was sollen wir uns jetzt noch halten? Wenn unser Leben wie ein Kartenhaus zusammenfällt, dann ist vieles nicht mehr klar, weil wir uns neu sortieren, definieren und uns auch anders kennen lernen müssen.

In schwierigen Zeiten eine klare Haltung einzunehmen und Stellung zu beziehen, so Harris, befähigt uns, uns zu öffnen und trotz einer riesigen Realitätskluft für etwas zu stehen, was uns tief im Herzen wichtig ist.

Und eben diese Fähigkeit ist die Resilienz, die ich bereits erwähnt habe. Wir haben die Möglichkeit, uns in jeder Situation zu entscheiden, welche Haltung wir einnehmen wollen. Wir können

  • die Situation verlassenwas jedoch nicht immer möglich ist. Hier lohnt sich die Frage: Würde sich meine Lebenssituation verbessern, wenn ich die Situation verlasse, statt in ihr zu bleiben?
  • bleiben und ändern, was geändert werden kann, indem wir uns Ziele setzen, die uns dem Leben, das wir führen wollen, näherbringen und uns in Aktion treten lassen.
  • bleiben und akzeptieren, was nicht geändert werden kann, und nach den eigenen Werten leben, indem wir unsere Gefühle und unsere Situation annehmen lernen und ungeachtet der Herausforderungen, voll und ganz am Leben teilnehmen.
  • bleiben, resignieren und Dinge tun, die die Situation verschlimmern. Sich sorgen, grübeln, anderen die Schuld geben, brüllen, toben, sich vor der Welt zurückziehen, sich betrinken und und und…(Wir alle kennen das zur Genüge)

Auch wenn wir uns dessen oft nicht bewusst sind, gerade weil wir uns mit unserer Geschichte verstricken, uns in unseren Gedanken verlieren und das Gefühl haben, das Leben macht mit uns was es will, wir haben dennoch immer die Wahl, wie wir mit unserer Situation umgehen wollen. Ich glaube aber, es braucht seine Zeit, bis wir das begreifen und umsetzen können. Der innere Sturm ist manchmal einfach zu laut, um sich selber noch wahrnehmen zu können.

Den Schatz finden

Ich behaupte jetzt einfach mal, fast alle von uns achten auf das, was wir nicht haben, auf das was uns fehlt, was wir ändern müssen und was wir anders haben wollen, damit wir uns (vermeintlich) glücklich fühlen können. „Wenn ich erst einmal diese Angst losgeworden bin, dann…“. „Nur noch dieser Kurs, dieses Buch, DIESE SCHUHE!!!… dann kann mein Leben endlich beginnen.“

Kennst Du das? Also ich schon. Und dabei vergessen wir wertzuschätzen, was wir eigentlich alles haben, was gut läuft und vor allem auch, welche positiven Eigenschaften und Fähigkeiten wir besitzen.

Den Schatz zu finden ist relativ einfach erklärt, aber schwierig umzusetzen. Es geht darum, die Augen zu öffnen, für alles was ist. Präsent zu sein. Dankbar zu sein für die guten Dinge im Leben und zu erkennen, welche Chancen wir haben, wenn alles den Bach runter geht.

Wenn wir bereit sind zu lernen, dann können wir das praktisch an allem tun, was das Leben uns vorsetzt. Wenn die Realität uns beutelt, dann lädt sie uns ein, dadurch zu wachsen.

Immer, wirklich immer, wenn ich (wie im Moment) konfrontiert werde mit inneren Kämpfen, Widerständen und Resignation, ist das Buch von Russ Harris meine allererste und auch beste Wahl und ich kann es von Herzen weiter empfehlen. Bei mir stapeln sich ganze Türme von Büchern. Einige wenige sind wertvoll, andere ganz ok und viele hätte ich mir sparen können. „Wer vor dem Schmerz flieht…“ ist in meiner Rangliste definitiv und ohne darüber nachdenken zu müssen auf Platz 1.

Und das will was heissen:)…

 

 

 

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2 Gedanken zu “Buchtipp – Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt

  1. Schön beschrieben. Was mir auch gut gefällt ist, „lieben was ist“ von Katie byron. Damit man in Frieden kommt mit allen Umständen und sich auch bewusst wird darüber, was man nicht ändern kann und was man ändern kann.

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