Nicht ohne meine Kamera – 6 gute Gründe, Dich ins Leben zu knipsen

Die Angst einfach weg-knipsen? Geht das?

Oder anders gefragt: Kann fotografieren unsere Angstgefühle positiv beeinflussen? Reduzieren? Verändern?

Und wie ist es mit Depressionen? Welchen Einfluss hat das Fotografieren auf unsere Stimmung? Auf unsere Gefühle?

Diesen Fragen bin ich nachgegangen. Einerseits, weil ich meine eigenen guten Erfahrungen mit der Fotografie bestätigt haben wollte, aber auch, um mehr darüber zu erfahren, wie sich fotografieren auf unsere Psyche auswirken kann.

Meine Recherche hat mich nicht allzu weit gebracht. Leider. Es gibt zwar einige Artikel über die Foto-Therapie, bei der man die Vergangenheit/Gegenwart über Bilder aufarbeitet oder auch (häufig bei Depressionen) das Fotografieren als Therapieform, bei der man sich selber und die eigenen Emotionen als Motiv nimmt, um schwierige Gefühle darzustellen und zu verarbeiten. Aber das ist nicht das, wonach ich gesucht habe.

Ich wollte wissen, was es in uns auslösen kann, wenn wir unsere Kamera packen, unser iphone in die Tasche stecken und bei Wind und Wetter raus gehen. Ohne Plan, ohne Erwartungen. Einfach Schuhe an und los gehts!

Für alle, die aufgrund ihrer Angst oder Depression das Haus nicht verlassen können: Es gibt Zuhause, im eigenen Garten oder sogar vor der Haustüre viele viele Motive, die es wert sind, fotografiert zu werden. Schlussendlich aber, geht es weniger um das Motiv selber, als um das Tun, das Experimentieren und dadurch den Fokus für einige Zeit bewusst auf etwas anderes zu richten.

Das Fotografieren ist für mich zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden. Eigentlich auch ein Therapie-Ersatz, aber vor allem eine Beständigkeit im Auf und Ab meiner Gefühlswelt. Ganz egal, ob es mir gut geht oder ob ich mich ängstlich oder schlecht fühle, Fotos schiessen geht immer. Und die positive Auswirkung, die die Fotografie auf mich hat, ist für mich Beweis genug, darüber schreiben zu können und vielleicht auch den einen oder anderen dazu zu inspirieren, mit Handy oder Kamera bewaffnet, loszudüsen und die Gegend unsicher zu machen:).

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1. Jederzeit und überall

Wie bereits gesagt, fotografieren geht immer. Du musst nicht lange Zugfahrten oder kilometerweite Wanderungen auf Dich nehmen, damit Du gute Fotos machen kannst. Darfst Du natürlich, aber es ist auch möglich gleich hier und jetzt und quasi vor Deiner Haustüre zu starten. Fotografieren ist weder ortsabhängig, noch spielt die Zeit eine Rolle. Es ist auch nicht nötig, dass es Dir gut gehen muss, damit Du mit Deiner Kamera loslegen kannst. Alles kann sein, muss aber nicht. Das ist das Schöne.

2. Motivation 

Das Fotografieren hat mich schon an Orte gebracht, die ich ohne Kamera im Gepäck wohl nicht so schnell besucht hätte. Und schon gar nicht alleine! Wer wie ich unter Agoraphobie leidet weiss, dass es alles andere als einfach ist, seine Sicherheit (meistens ist es das eigene Zuhause) zu verlassen. Je weiter wir uns von dieser vermeintlichen Sicherheit weg bewegen, desto schwieriger wirds und desto hilfloser fühlen wir uns.

Fotos zu machen und diese dann online zu stellen, ist für mich eine der besten Motivations-Strategien überhaupt, damit ich meine Sicherheitszone verlasse. In der Therapie nennt sich dies Exposition. Du stellst Dich den Situationen, die Dir Angst machen solange und immer wieder, bis Deine Unruhe oder Deine Angstgefühle immer weniger werden und Du Dich an diese Situationen gewöhnst. Dadurch traust Du Dir auch immer mehr zu, bewegst Dich vorwärts und öffnest Dich langsam aber stetig für die Welt um Dich herum.

Auf https://instagram.com/stephanie__76/ findest Du einige meiner Bilder. Schau rein, wenn Du Lust hast!

3. Bewegung

Bewegung tut gut. Das wissen wir alle. Mit Bewegung meine ich aber nicht nur den positiven körperlichen Effekt, den beispielsweise das Fotografieren in der Natur auf uns hat, sondern auch den mentalen Aspekt. Angst führt sehr oft zu Vermeidung. Und Erstarrung. Je weniger wir uns zutrauen, desto unbeweglicher und enger wird es auch in unserem Kopf. Durch das Fotografieren öffnet sich aber eine neue Welt. Wir bleiben neugierig, achten auf Details um uns herum und sehen die Dinge aus einer anderen Perspektive. So wird es möglich, unseren engen Blickwinkel, der aufgrund dieser Erstarrung entstanden ist, wieder etwas zu erweitern und im wahrsten Sinne des Wortes frischen Wind reinzubringen.

4. Achtsamkeit

Wie oft ertappst Du Dich beim Grübeln und beim Wälzen von Sorgen, Problemen und Gedanken, die Dich kritisieren und runterziehen? Wir sind uns oftmals gar nicht bewusst, in welchem Gedanken-Sumpf wir uns befinden und wie sehr wir daran glauben, was wir alles so denken. Unser tägliches Kopfkino erzeugt viel Stress und Angst. Wenn wir mit unserer Kamera auf der Suche sind nach passenden Bildern, bleiben wir achtsam und nehmen unsere Umwelt im gegenwärtigen Moment mit offenen Augen wahr. Wir haben das Foto nicht gestern gemacht und wir werden es auch nicht morgen machen. Wir schiessen das Foto genau jetzt. Und während unser Auge das Motiv durch die Kamera erfasst, bleibt der Affe in unserem Kopf für diesen einen Augenblick ganz still.

Der Fotograf Kurt Tappeiner beschreibt genau diesen Zustand folgendermassen: „Wenn ich Aufnahmen mache, verliere ich jegliches Zeitgefühl. Das ist eine Art Meditation – Ich bin nur noch auf das Objekt fokussiert und völlig gedankenfrei.“

5. Positive Emotionen

Kleiner Motivations-Tipp: Mach immer dann ein Foto, wenn Du Dich gut fühlst. Von Dir, von der Umgebung, der Situation oder von den Menschen, die mit Dir zusammen sind. Richte Dir Zuhause eine Fotowand ein oder stelle Deine Fotos online, wenn Du das magst. Deine persönliche Fotogalerie wird Dich automatisch an Deine positiven Gefühle erinnern, die Du mit den Bildern in Verbindung bringst.

Diese Idee ist eine sehr schöne Form, angenehme Gefühle zu aktivieren. Das Fotografieren kann aber noch mehr an positiven Emotionen hervorbringen. Da ist beispielsweise die Freude am Tun selbst. Immer, wenn wir etwas erschaffen, erfüllt uns das mit  Kreativität, mit Spass und Lust. Sei es während wir Bilder machen oder anschliessend beim Bearbeiten der Fotos. Wenn ich meine Bilder, die während des Tages entstanden sind, später ganz in Ruhe durchgehe und überarbeite, dann vergesse ich alles um mich herum und bin in dieser Zeit voll in meinem Element. Ich liebe diesen Flow-Zustand, denn er zeigt mir, dass ich mich begeistern kann und was noch viel besser ist, es ist mir alles andere völlig schnurz.

Positive Emotionen entstehen auch dadurch, dass wir durch das Fotografieren, die Facetten der Natur und die Schönheit um uns herum wieder wahrnehmen. Wir bleiben verbunden mit dem, was sich um uns ereignet und nehmen wieder aktiv teil. Ein ganz wichtiger Punkt für alle Menschen, die die Tendenz haben, sich aufgrund ihrer Ängste oder depressiven Gefühle zu isolieren und sich vor dem Leben zurückziehen.

6. Ablenkung

Wenn wir uns überreizt fühlen, total angespannt sind und Gefühle der Panik hochkommen, ist Ablenkung manchmal genau das Richtige. Nun kann es natürlich sein, dass Du jetzt denkst, was erzählt denn die für einen Schmarrn. Angstgefühle muss man doch aushalten lernen, jeder weiss doch, dass sich die Angst nur dann lindern lässt, wenn wir durch sie hindurch gehen und sie annehmen, bis sich die Welle wieder von selber zurückzieht. Nun, schön wärs. Aber das gelingt uns eben nicht immer. Manchmal reagieren wir auf alles so sensibel, dass wir schon froh sind, heil von A nach B zu kommen oder den Tag möglichst gut zu überstehen. Und da ist Ablenkung nun mal die beste Wahl, weil wir uns auf etwas konzentrieren und so einen gewissen Abstand zwischen uns und unsere Emotionen bringen können.

Immer dann, wenn Dein Stress-Pegel am ausufern ist und Du Dich nicht mehr in der Lage fühlst, Dich selber zu beruhigen, lenke Dich ab! Wir können die Gedanken nicht immer und jederzeit zu unseren Gunsten steuern, aber wir können immer etwas TUN. Das Fotografieren ist dazu bestens geeignet, weil es die Angstgefühle in den Hintergrund rückt und Du Dich beschäftigst mit dem, was um Dich herum passiert. Dein Fokus richtet sich somit etwas weg von Dir selber und Du bleibst trotz allem aktiv und verbunden, ohne Dich vollständig von Deinen Emotionen mitreissen zu lassen.

Ein Bild gibt uns das Gefühl, die ganze Welt in den Händen zu halten. Fotos sind Dokumente des Augenblicks, des Lebens, der Geschichte. Die Fotografie verwandelt die Welt in ein ewig fortbestehendes Angebot, aus der Wirklichkeit in das Reich der Fantasie, aus dem Schmerz in die Freude zu fliehen – durch das Fenster der Seele, das Auge. – Mario Cohen

 

 

 

 

 

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5 Gedanken zu “Nicht ohne meine Kamera – 6 gute Gründe, Dich ins Leben zu knipsen

  1. Ach, deine Bilder liebe ich ja! Einfach wundertoll und so viel mehr als nur normale Schnappschüsse!
    Während der heftigsten Phase meiner Depression habe ich mir damals meine Canon angeschafft und bin auch losgezogen. Vor allem dieser Abstand von den eigenen Emotionen, der hat mich viel gelehrt. Wie sich das anfühlt und wie gut es sein kann, wenn man versucht die Dinge mit Abstand zu betrachten, ohne impulsgesteuert einen auf Elefant im Porzellanladen zu machen. Irgendwann funktionierts dann auch ohne Kamera ganz gut ^^

    Gefällt 2 Personen

  2. Ein wirklich toller Artikel! Ich teile komplett deine Meinung – Fotografie ist wirklich besser als jede Therapie. Und den Zustand vom Zeitvergessen beim Fotografieren und in einem Flow, nahezu einem Rausch zu sein, kenne ich nur zu gut. Man vergisst wirklich alles um sich herum und das ist auch einer der Gründe, wieso ich Fotografie so liebe 🙂

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