Mach es anders! Lass dich scheiden!

Dieses Jahr wird es festlich.

Es stehen einige Lebensabschnitte an, die gefeiert werden wollen.

Zum Einen ist da der 16.Geburtstag meines Sohnes, der sich freut wie Bolle, endlich legal Bier trinken zu dürfen. Zudem beendet er die offizielle Schulzeit und tritt ein in das Erwachsenenalter. Natürlich wird auch das gefeiert.

Und ich…ich werde 40.

Das ist aber noch nicht alles.

Ich feiere nämlich ein Jubiläum. Das heisst, nicht nur ich alleine, sondern ich und die Angst. Die gläserne Hochzeit sozusagen. 15 Jahre Verbundenheit in vielen Lebenssituationen, unzählige Hürden zusammen gemeistert, mehrmals gemeinsam durch die Hölle gegangen und daran gewachsen, Leid und Freude miteinander geteilt, geweint, gekämpft, verflucht und gereift.

Na, wenn das kein Grund zum Feiern ist:).

Wenn ich darüber nachdenke, wie ich diese langen Jahre mit der Angst erlebt habe, dann kommt erst einmal der ungeheuerliche Gedanke in mir hoch, nicht wirklich gelebt und so verdammt vieles verpasst zu haben.

Das ist eine Tatsache, die schmerzt.

Und mir einzugestehen, dass es so ist, ohne mit erhobenem Finger auf mich zu zeigen und mich selber zu beschuldigen, ist alles andere als einfach.

Seit ich denken kann, ist das Gefühl der Freiheit für mich das höchste Gut. Das ist heute nicht anders, auch wenn der Begriff Freiheit durch die Angsterkrankung eine ganz neue, viel tiefere Bedeutung bekam. Mich frei und ungebunden zu fühlen, macht mich glücklich und ganz. Das war schon immer so, nur dass ich früher mit meiner Freiheit sehr leichtsinnig umgegangen bin. Weil ich dachte, sie sei ewig. Und weil ich geglaubt habe, dass ich noch in hundert Jahren auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig tanzen werde. Bis ich dann bei der Angst gelandet und dort „sesshaft“ geworden bin.

Trotzdem bin ich froh, dass ich damals diesen Drang nach Leben bis zum geht nicht mehr ausgelebt habe. Ich bin froh, bis zum Umfallen in Clubs getanzt, verschiedene Länder bereist und viele Männer geküsst zu haben. Ich bin froh, zu wissen wie es sich anfühlt, sich ohne innere Grenzen frei zu bewegen. Und ich bin wirklich dankbar dafür, dass ich diese Zeit und alles was ich erleben durfte, in mich aufgesogen habe, als gäbe es kein Morgen mehr. Denn das hat mich über die letzten Jahre gebracht.

15 Jahre.

Eine lange Zeit.

Angst ist hartnäckig, aber ich alleine habe mich auf sie eingelassen. Habe ihr die Tür geöffnet und sie gebeten an meiner Seite zu bleiben. Auch wenn ich sie immer wieder verflucht und oft mit ihr gehadert habe. Und irgendwann ist aus der Angst eine falsche Sicherheit geworden, in der ich mich eingerichtet habe. Ich musste keine Verantwortung mehr übernehmen. Die Angst diente so oft als Entschuldigung für Situationen, in die ich mich nicht hineinbegeben wollte, dass aus der Angst Gewohnheit geworden ist. Natürlich war das keine bewusste Entscheidung. Und doch war es eine Entscheidung, die ich selber getroffen habe. Wer sonst?

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Nun ist die Zeit gekommen. Ich lasse mich scheiden.

Es ist nicht die Angst selber, die ich nicht mehr in meinem Leben haben will. Es ist die Gewohnheit, die alles zerstört was lebendig ist und die unser Denken und unser Verhalten immer enger und enger macht.

Es ist die Gewohnheit, Dingen aus dem Weg zu gehen, die wir schon so lange vermeiden. Zuerst war da die Panik, die Angst, die Angst vor der Angst und dann der feste Glaube daran, die angstmachenden Situationen nie mehr wieder aushalten und meistern zu können. Dieser Glaube setzt sich mit der Zeit so in uns fest, dass daraus Gewohnheit wird.

Ich weiss nicht, wie es in anderen Ländern gehandhabt wird, aber in der Schweiz muss ein Ehepaar, das sich scheiden lassen will, ein Jahr in Trennung leben, bevor die Scheidung rechtskräftig wird. Ein Jahr, in dem vieles passieren kann. Vielleicht findet man wieder zusammen oder man geht endgültig getrennte Wege. Egal für was man sich schlussendlich entscheidet, man ist nicht mehr die gleiche Person, die man vorher war.

365 Tage liegen dazwischen.

365 Chancen, alte Gewohnheiten hinter sich zu lassen und Platz zu schaffen für Neues. Und genau so werde ich mein 15 jähriges oder eben meine Scheidung feiern. Jeder neue Tag bietet mir die Möglichkeit, etwas zu tun, das ich noch nie oder schon sehr lange nicht mehr gemacht oder erlebt habe.

Das müssen keine weltbewegenden Dinge sein. Im Kleinen liegt oft das grösste Geschenk. Und es gibt so vieles, das ich noch nie versucht, entdeckt, gesehen oder geschmeckt habe. Zucchetti-Spaghetti zum Beispiel. Einen Thriller lesen. Mit knallrotem Lippenstift aus dem Haus gehen. Laut singend durch die Strassen spazieren. Eine Doku über die Reise der Pinguine reinziehen. Nackt Handstand üben…

Aber natürlich geht es auch um  grössere Herausforderungen, die Mut brauchen und Überwindung. Mein letzter Kinobesuch liegt schon Jahre zurück, weil mich Räume ohne Fenster extrem beengen. Auf einem Konzert war ich schon ewig nicht mehr und ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal spontan in den nächstbesten Zug gestiegen bin, ohne genau zu wissen, wohin die Reise geht. Alles Dinge, die ich früher ohne weiteres genossen habe.

Es geht mir darum, neue Eindrücke zu sammeln und frischen Wind in meine Synapsen zu bringen. Festgefahrenes zu lockern und viel öfters JA zu sagen, auch wenn die Gewohnheit mich zurückhalten will.

Und es geht darum etwas Süsse in den Alltag zu bringen, ein kleines Stückchen Magie und das Gefühl frei zu sein in meinen Entscheidungen, wie ich meinen Tag und mein Leben gestalten möchte.

Zwei ganz verschiedene Dinge behagen uns gleichermassen: die Gewohnheit und das Neue – Jean de La Bruyère –

Ich habe mich entschieden.

Für das Neue.

Tag für Tag.

Wie entscheidest Du Dich?

 

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Mach es anders! Lass dich scheiden!

  1. Liebe Stephanie,

    Schön, dass Du so mutig bist so offen über dich zu schreiben. Finde ich sehr inspirierend. Und ja auch ich entscheide mich für die Scheidung. Die Scheidung vom alten und auf zu neuem. Etwas neues probieren. Jeden Tag ein bisschen mutig sein. Gefällt mir.

    Alles Gute
    Sandro

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deine Nachricht Sandro:)! Dein Interview mit Mischa ist der Hammer! Das wollt ich dir auf diesem Weg noch sagen. ACT ist für mich zu einem der wichtigsten Begleiter geworden und ich bin sehr dankbar dafür, auf die Bücher von Steven Hayes, aber auch von Matthias Wengenroth gestossen zu sein.
      Ich freue mich, auf deinem Blog von dir zu lesen. Alles Liebe…

      Gefällt mir

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