Gib der Angst ein Gesicht: Palm (19)

Jeder Mensch kennt das Gefühl, Angst zu haben. Kein Wunder, seit Urzeiten hat sie uns als Spezies vor mancher Dummheit und Gefahr bewahrt. Sie ist ein elementarer Teil des menschlichen Erlebens und macht uns, zusammen mit allen anderen Emotionen, zu dem was wir sind.

Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Sehnsucht, Hoffnung…all diese Gefühle sind um ein tausendfaches angenehmer, als Angst zu haben. Dennoch ist Angst an sich genau so wichtig. So wie der Mensch seine Ängste braucht, braucht das Schiff seinen Ballast, um sicher und gerade zu fahren.

Wir alle befinden uns auf unserem eigenen Weg, haben unsere eigenen Ziele und Motive, unsere Träume und unsere Pläne, wie wir diese verwirklichen möchten. Wenn überhaupt, sollte Angst auf unserem Lebensweg eine untergeordnete Rolle spielen. Bestenfalls sollte sie auf dem Weg eine Leitplanke sein, die uns auf der Spur behält und uns ab und zu daran erinnert, dass wir auf unseren Höhenflügen und in unseren Kurven vorsichtiger sein sollten. Wird die Angst aber zum Hindernis auf unserem Weg, bremst sie uns sogar aus, dann wird es Zeit zu handeln.

Ich leide seit 2012 an einer Angststörung, die höchstwahrscheinlich durch den Konsum von Cannabis ausgelöst wurde. Ich will diese Droge keineswegs verteufeln oder ihr alle Schuld an meinem Zustand geben, dennoch muss ich den Konsum scharf kritisieren. Ich kann mit Sicherheit sagen, hätte ich nicht gekifft, wäre ich heute nicht so tief  in der Angstspirale. Gepaart mit meiner damals sehr labilen Psyche und einer allgemeinen Veranlagung zu unbegründeten Ängsten, ergab das THC eine ungesunde Mischung von Reizen. Ich hatte beim Kiffen bereits kleine Angstzustände, die ich als „schlechtes Flash“ abgetan habe.

Die erste richtige Panikattacke bekam ich erst, als mein Leben wieder geordnet und ich überglücklich war. Damals, gerade in einer frischen Beziehung, hätte ich nicht besser gelaunt sein können. Das Kiffen hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben, aufgrund der bereits genannten „kleinen“ Angstzustände, die ich dabei erlebt habe.

Ich kann mich noch ganz klar und deutlich an die erste Attacke erinnern. Ich hatte den Tag mit meiner damaligen Freundin verbracht, es war ein angenehm warmer Abend Ende April und ich ass mit meiner Familie zu Abend. Ich hatte vor, den perfekten Tag auch perfekt ausklingen zu lassen. Beim Essen fühlte ich jedoch plötzlich, wie mein Herz zu rasen begann. Ich versuchte, mich nicht darauf zu konzentrieren. Kurz darauf wurde mir sehr heiss, meine Hände schwitzten, ich wurde benommen, nervös, unruhig. Schliesslich hielt ich es nicht mehr aus, stand auf und murmelte etwas wie: „Mir ist nicht gut, ich muss kurz raus an die frische Luft“.

Normalerweise hätten ein paar tiefe Atemzüge die Nervosität gebändigt. doch irgendwie kam ich überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Ich hatte das Gefühl gleich einen Herzinfarkt zu erleiden, hatte den Drang zu flüchten, wohin wusste ich auch nicht. Irgendwie hat man mich dann ins Bett bugsiert und irgendwann, Stunden später, schlief ich dann ein.

Der Teufelskreis der Gedanken begann bereits am nächsten Morgen. „Was ist mit mir los? Ist etwas mit meinem Herzen? Bin ich krank?“ Ich suchte eine Ärztin auf, die mir sofort die Diagnose „Panikattacken“ stellte. Heute bin ich froh, musste ich nicht wie viele andere zu unzähligen Ärzten rennen um die richtige Diagnose zu bekommen. Damals war aber das Wort Panikattacke für mich genauso ein Fremdwort, wie für die meisten Menschen. Die Ärztin verschrieb mir pflanzliche Dragees und mir wurde zugesichert, dass die Attacke wohl ein einmaliger Vorfall gewesen sei.

Diese Prognose erwies sich leider als falsch. Bald war ich völlig beschäftigt mit der „Angst vor der Angst“, weshalb ich einen Psychologen aufsuchte. Dieser überwies mich nach einigen Sitzungen ans FETZ (Früherkennungs- und Therapiezentrum für psychische Krisen). Dieser Schritt war enorm wichtig und die Betreuung, die ich dort geniessen durfte, sehr hilfreich. Für einige Monate hatte ich das Gefühl, die Panikattacken los zu sein.

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Danach kam, wie so oft im Leben, alles Schlag auf Schlag. Eine schwierige Trennung, Jobsuche, Depressionen. Mit den Sorgen kam dann auch die Panik zurück, dieses Mal um etwas länger zu verweilen. Ich fing an, Alkohol zu missbrauchen, um kurzzeitig meine Ängste zu betäuben. Es waren einige schwere Monate. Im Frühjahr 2013 hatte ich jedoch abermals die Kurve gekriegt. Ich bekam eine Arbeitsstelle, hatte einen guten Freundeskreis und stand wieder einigermassen fest im Leben. Die täglichen Panikattacken verschwanden aber nicht, vielmehr arrangierte ich mich mit ihnen. Viel zu oft, indem ich grosse Mengen an Alkohol trank, um mich zu entspannen. Bald brauchte ich dann einen gewissen Pegel, um mich rundum wohl zu fühlen. In der darauf folgenden Zeit hatte ich viel Stress. Im Liebesleben, Zuhause, schulisch und vor allem mit mir selber und meinen Attacken.

Dann schlug die Angst erneut zu. Diesesmal auf eine Weise, die ich vorher nicht kannte. Ich fing an Einkaufszentren zu meiden, Fussgängerzonen, Restaurants. Gesellschaftliche Anlässe ertrug  ich nur, wenn ich mich dort möglichst schnell betrank. Diese neuen Ängste bewegten mich dazu, erneut Hilfe beim FETZ zu beanspruchen. Diese neue Angst hatte einen Namen: Agoraphobie.

Sie griff rasend schnell um sich. Engte mich von Tag zu Tag weiter ein. Bald konnte ich weder Zug noch Bus fahren, noch einkaufen gehen. Dann beeinträchtigte sie mein Berufsleben. Ich hatte Angst beim Autofahren, auf der Baustelle, im Betrieb, bei Kunden, an Sitzungen und an Geschäftsessen. Seit die Agoraphobie in mein Leben geplatzt ist, kenne ich den Zustand der Entspannung nicht mehr. Ich war nun 24/7 angespannt, auf 180, wurde immer reizbarer. Der kleinste Funken konnte mich zum Explodieren bringen.

Ich versuchte all das zu ertragen, meine Ausbildung abzuschliessen und mich danach einer Therapie zu widmen. Dieser Schuss ging nach hinten los. Am 20.April 2016 musste ich eine geliebte Person nach Zürich in die Uniklinik fahren. Die Autobahn war die absolute Hölle, danach der Stadtverkehr und die Leute. Der „Todesstoss“ war für mich, mich im Spital aufzuhalten, zu bewegen. Schliesslich brach ich am Empfang zusammen und konnte mich nicht mehr rühren. Ironischerweise auf den Tag genau 4 Jahre nach meiner ersten Panikattacke. Nach diesem Tag konnte ich nicht mehr arbeiten gehen.

Fast Forward bis heute. Alles was ich mir vorgenommen habe, ist gescheitert. Ich habe meine Lehre nicht abgeschlossen, musste einen guten Monat vor der Abschlussprüfung sagen: „Es geht nicht mehr“. Mittlerweile nehme ich Psychopharmaka und habe das Trinken eingestellt.

Man kann die Angst ignorieren, verdrängen, bekämpfen oder umgehen. Am Ende wird sie einen jedoch immer konfrontieren. Mir ist es lieber, von nun an selbst die Angst zu überraschen, als von ihr überrascht zu werden.

Unsere Gesellschaft ist von Stress und Druck geprägt. So sehr, dass man oft vergisst, auf sich selbst zu achten. Monate ziehen an einem vorbei, noch kurz dies oder das und schon ist wieder Weihnachten. Ich bin überzeugt, viele von uns könnten öfters eine Auszeit brauchen, um durchzuatmen und den Kopf frei zu bekommen. Wir Menschen mit einer Angststörung besonders.

Dies ist mein Weg. Die Agoraphobie versperrt ihn und hindert mich daran, mein Leben so zu leben wie ich das möchte. Dieser Punkt ärgert mich am meisten: Ich bin nicht mehr frei. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, die Angst auf meinem Weg wieder dorthin zu drängen, wo sie hingehört. An den Rand, als Leitplanke, die mich nur dann schützt, wenn ich sie brauche.

Bitte nehmt euch die Zeit für euch selbst und eure Probleme. Versucht sie nicht zu verdrängen. Schämt euch nicht, euren Mitmenschen davon zu erzählen, ob sie nun Chef, Kollegen oder Freunde sind. Nehmt Rücksicht auf euch selbst und stellt euch öfters an erster Stelle. Dieser Weg, den wir gehen, ist nicht einfach. Wir alle können stolz darauf sein, dass wir soweit gekommen sind. Eine Angststörung verlangt einem sehr viel Energie ab und kann oft übermächtig wirken. Tatsächlich ist sie das aber nicht. Gehen wir diesen Weg also so weit es möglich ist zusammen. Beenden wir die Stigmatisierung von Angststörung und psychischen Krankheiten im Allgemeinen. Lasst uns gemeinsam nach vorne schauen und der Angst den Kampf ansagen. Bleibt stark!

Viele liebe Grüsse,

Palm

 

 

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