Gib der Angst ein Gesicht: Ambra (18)

Nichts fühlt sich mehr sicher an. Wir allen kennen das Gefühl von Unsicherheit, Unbehagen und Angst. Doch in meinem Leben nahmen diese Gefühle eine zu mächtige, zu permanente Position ein.

Vor etwa zwei Jahren setzten bei mir psychosomatische Herzrhythmus-Störungen ein. Lange Zeit erzählte ich niemandem von dieser Wahrnehmung, da ich mich einerseits von den Reaktionen fürchtete und Angst vor allfällig negativen Ergebnissen einer medizinischen Untersuchung hatte. Sobald man seine Ängste und Befürchtungen ausspricht, werden sie noch mehr zur Realität und drohen, uns zu überfluten. Ich beschloss, die Taktik des Verdrängens zu wählen, einfach weiter zu leben und so zu tun, als würde all dies nicht passieren.

Heute würde ich mich definitiv anders verhalten, da Verdrängung nur ein Aufschieben und keine Bekämpfung des Problems oder in diesem Fall der Angst ist. Die Ignoranz mir selber gegenüber klappte immer weniger, die Angst wuchs stetig. Stimmt etwas nicht mit meinem Herzen? Werde ich sterben?

Einmal hatte ich eine so heftige Panikattacke, dass ich es nicht mehr zurück in die Realität schaffte. Ich sass drei Tage Zuhause auf der Couch, völlig apathisch, in der ständigen Angst zu sterben. Ich realisierte, dass es Zeit war zu sprechen. Ich öffnete mich meinen Eltern und erzählte ihnen von den Herzrhythmus-Störungen, die mir so viele Sorgen bereiteten. Ich landete beim Arzt und wie erahnt und befürchtet, musste ich auf mein Ergebnis wie auf ein Urteil warten, als würde darüber entschieden werden, ob ich leben durfte oder sterben musste.

Meine Resultate waren positiv, mein Herz gesund.Für kurze Zeit konnte ich die Sache etwas gelassener angehen, versuchte mich neu zu fokussieren und den Vorfall zu vergessen. Doch die Angst drängte sich einige Wochen später zurück in mein Leben.

Ich wurde immer nervöser, angespannter und angstvoller. Es ging soweit, dass ich jeden Abend Panikattacken hatte, da ich befürchtete zu sterben, sobald ich im Bett lag. Ich erlebte immer und immer wieder typische Angst-Kreisläufe. Die Panik löste körperliche Symptome aus, die ich wiederum als Symptome meines kranken Herzens auffasste, was die Panik verstärkte – Die Angstspirale war perfekt. Ich kam manchmal über ganze Tage nicht mehr aus der Panik heraus, war nicht mehr fähig klar zu denken. Die Angst griff immer mehr um sich, ich hatte jegliche Kontrolle verloren, sie beherrschte mich und machte sich über mich lustig.

All dies hatte starke Auswirkungen auf meinen Schlaf und meine Entspannung. Ich lebe in einer Dauer-Situation der Anspannung und Nervosität. Mein Körper ist in Dauer-Alarmbereitschaft, dass etwas passieren, respektive ich sterben könnte.

Vor etwa einem halben Jahr schlug dies enorm auf meine Psyche. Situationen, die eigentlich entspannend sein sollten, wurden plötzlich zur grössten Herausforderung. Situationen, die mir früher viel Freude bereiteten, konnte ich nicht mehr geniessen. Die Angst wurde mein permanenter Begleiter und ich immer kraftloser und unmotivierter. Ich war einfach nur noch unendlich erschöpft und traurig darüber, was mein Leben für eine Wendung genommen hat. Ich beobachtete Wesensveränderungen in Richtung Ignoranz, Egoismus und Aggression, die ich an mir selber gar nicht kannte. Ich erlebte Wutanfälle, von denen ich selber nicht weiss, warum ich so reagierte. Dazu kamen Depersonalisationsgefühle. Ich erkannte mich im Spiegel nicht mehr selbst. Alles um mich schien erschreckend fremd und unwirklich.

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Letzten Frühling fasste ich den Entschluss, nochmal alles abklären zu lassen, um jegliche Zweifel aus der Welt zu schaffen. Ich machte ein 24-Stunden-EKG und einen Ultraschall. Erneut wurde klar, dass mein Herz kerngesund ist und überhaupt nicht unregelmässig schlägt und alles nur auf meiner Wahrnehmung basiert. Doch wider Erwarten wurde ich die Angst nicht los. Mir wurde klar: Es können noch so viele Ärzte sagen, dass mein Herz gesund ist, ich würde es trotzdem nicht glauben. Jede erneute Angstsituation wird als fremd und bedrohlich eingestuft.

Über die Frühlings-und Sommermonate generalisierte sich meine Angst. Ich empfinde Angst vor allen bedrohlichen Zuständen in meinem Körper. Ich habe jegliches Vertrauen in ihn verloren. Ich kann die Angst nun zwar akzeptieren, aber sie ist ständig da und es kostet mich enorm viel Kraft und Energie, sie nicht zu mächtig werden zu lassen.

Ich bin nun in zwei verschiedenen Therapien, die mir helfen sollen, einen anderen Bezug zu der Angst zu bekommen. Mir half der Leitsatz:

“ Angst bleibt ein Teil von mir, doch ich kann sie akzeptieren als Teil meiner selbst und sie richtig einordnen. Angst ist nichts Negatives. Sie ist auch nicht mein Feind. Sie wird nur so gross, wie ich das zulasse. In der Angstsituation verharren und am eigenen Körper erfahren, dass nichts passiert, das ist der Schlüssel zum Erfolg.“

Ich versuche, das Vertrauen in meinen Körper wieder zu finden und die Zuversicht zu behalten. Meinen Körper machen zu lassen, es geschehen zu lassen und zu lernen, dass er auch ohne meine permanente Kontrolle funktioniert.

Mit meiner Psychologin bin ich am herausfinden, was der Auslöser dieser Herzrhythmus- und anschliessender Angststörung sein könnte. Ausserdem versuche ich, die Freude in meinem Leben wieder zu finden. Ich bin es leid, mich ständig einzuschränken und Dinge aufgrund der Angst vor der Angst nicht zu tun. Ich war und bin noch immer der Meinung, dass man sich Herausforderungen stellen muss, da man sonst auf der Stelle bleibt. Zu lange hatte die Angst eine mächtige Position in meinem Leben, jetzt bin ich an der Reihe.

Es ist dringend nötig, den positiven Bezug zu mir selber zu gewinnen und selbstsicherer zu werden. Ich versuche mich nun in der Ursachen-Findung und der anschliessenden Akzeptanz oder vielleicht sogar der erforderlichen Verdrängung meiner Denkweise und meines Verhaltens.

Ich bin ein sehr sensibles Wesen mit einer intensiven Wahrnehmung und um ehrlich zu sein, wurde mir alles zu viel. Mein Herz versucht höchstwahrscheinlich, mich daran zu erinnern, zu leben, zu geniessen und  für mich selber einzustehen.

Ich bin voller Zuversicht, dass auch ich wieder ein friedliches Leben führen kann. Alles passiert aus einem Grund. Mein Leben hat noch viel mit mir vor.

Ich danke meinem Freund und meiner Familie, ohne deren Zuversicht ich nicht wüsste, wo ich heute stehen würde.

Ambra

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