Gib der Angst ein Gesicht: Carina (28)

So stehe ich nun da: Mein Studium habe ich vor ein paar Jahren abgeschlossen, ich habe einen guten Job und ein schönes Zuhause. Ich bin 28 und stehe mitten im Leben. Klingt ja erstmal gut, oder?! Ich hab aber noch was… Sieht man zum Glück nicht auf den ersten Blick und ist auch nicht besonders sexy. Ich habe eine scheiß Angst! Wovor? Das weiß ich selbst nicht so genau, ist sehr vielfältig.

In der Anfangszeit der Angst hatte ich unter anderem Angst vor einem Herzleiden oder Infarkt, weil das Herz oft so gerannt und gepoltert ist, dass ich dachte es hüpft mir aus der Brust. Daraufhin bin ich mehrfach zum Arzt. Auch dachte ich, meine Schlaf- und Ruhelosigkeit müsste ja eine erklärbare Ursache haben. Ich hatte die Schilddrüse im Verdacht, für die ich schon lange Medikamente nehme. Und wo überhaupt kommt dieses plötzliche und permanente Gefühl der Angst und Bedrohung her?! Auch unbegründet und einfach so nach dem Aufwachen – das Angstgefühl tief in der Brust sitzend. Ich habe auch Angst in Menschenmassen und ich habe vor allem Angst vor der Angst… Dass sie mich wieder trifft und bleibt. Ich habe auch Angst geliebte Menschen zu verlieren. Schlussendlich beginne ich dann auch Angst vor dem normalen Alltag zu entwickeln.
Eigentlich habe ich doch alles, was man zum Leben und zum glücklich sein braucht. Man könnte von außen denken: „oh perfekt!“ Und ich denke: „Warum nur kannst du dein Glück nicht genießen? Was ist denn los? Ich habe doch auf all das hingearbeitet und es mir so gewünscht. Was stimmt bloß nicht mit mir?“ Es folgte dann irgendwann die bittere Erkenntnis: Es ist der Kopf, nicht der Körper. „Kann es nicht bitte, bitte die Schilddrüse sein? Sicher stimmen die Tabletten und die Dosis nicht…“ denke ich. Aber auch weitere Arztbesuche brachten keinen Befund. Die Angst wurde stärker und ich immer schwächer. Dieser innere Sturm, das Gefühl gleich die Wände hoch zu gehen, lassen den Alltag unzumutbar schwer werden. Dazu die ständige innere Stimme: „Spinnst du jetzt total? Bald geht alles den Bach runter, wenn du so weiter machst. Du kannst nie wieder arbeiten gehen. Schäm dich und reiß dich jetzt mal ein bisschen zusammen!!“ Doch zusammenreißen klappt nicht mehr…
Es ist nicht meine erste Angsterfahrung und doch trifft sie mich wie ein Schlag. Mit einer Wucht, die ich nicht erahnen konnte. Hatte sie sich doch zuvor gnädiger und immer in Bezug zu bestimmten Situationen und Erfahrungen gezeigt. Wie zum Beispiel das „in-den-Urlaub-fliegen“. Mir beginnt schon beim Gedanken daran, der Magen zu knurren und der Puls steigt. Wenn sich andere auf Urlaub freuen, denke ich nur: „Was ist wenn…? Ich an Bord keine Luft kriege oder raus will? Oder, oder, oder…“ Und das ist genau der Punkt: schon beim Gedanken schnürt sich mir der Hals zu. Die Erkenntnis, dass viele meiner Ängste durch Gedanken ausgelöst werden, war der erste Schritt für mich. Gut, die Erkenntnis allein hilft recht wenig…

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Mittlerweile war ich an einem Punkt angekommen, der sich nahe am verrückt werden anfühlte, die Verzweiflung und das Selbstmitleid immer größer. Das Gefühl, einen viel zu schweren, nassen Mantel über den Schultern zu tragen und dazu der permanente Kloß im Hals, der dich nicht frei atmen lässt. Unter einer Glocke. Aus Angst, Gedanken und Hilflosigkeit. Verwirrtheit. Einfach so vor sich herzuleben wird zu meinem größten Wunsch. Demut macht sich breit… Ich habe mich trotz vieler lieber Menschen um mich herum noch nie so einsam gefühlt. So auf mich gestellt und ohne Rückzugsort, weil ja selbst zu Hause die Angst mein ständiger Begleiter war. Ich pflege enge Beziehungen zu meiner Familie und meinen Freunden. Daher schmerzte es mich umso mehr, mich auch unter ihnen nicht mehr zu Hause zu fühlen.
Die Wende ist mühsam und ich musste sehr geduldig sein. Mein persönlicher Schlüssel? Akzeptanz! Mich nicht aufzulehnen, sondern die Situation als gegeben anzunehmen, zumindest für einen Moment. Getreu dem Motto „Ich werde es wohl überleben und lasse es über mich ergehen.“ Die 120. Panikattacke wird wohl nicht schlimmer, als die vorherigen auch. Auch ein bisschen Humor tat sein Übriges… Mein morgendliches Würgeritual von 20 Minuten vor lauter Angst vor dem Tag fand ich selbst manchmal so ironisch…

Was noch? All das, was gut tut. Mal ist es Ablenkung, mal Ruhe und mal ganz was anderes – je nach Bedarf und Gefühl. Mal hilft gar nichts und der Sturm tobt. Schlimmer kann es ja nicht werden, oder? Yoga, gesundes Essen (falls es denn überhaupt möglich ist, zu essen..) Gespräche mit Freunden und auch mit einer Therapeutin und am Ende die eigene Erkenntnis: Es ist NUR Angst. Es sind NUR Gedanken. Nicht viel mehr, aber leider aber auch nicht weniger. Ihr glaubt ja gar nicht, wie viel Schlechtes ich gedacht habe, wie sehr ich mich selbst auseinander genommen habe, zerfetzt in kleinste Stücke, bis ich selbst nicht mehr wusste, wer ich bin. So viele Zweifel, so viele Gedankenströme.
Dabei bin ich sehr behütet groß geworden, voller Liebe und Freundschaften. Lange habe ich nach der Ursache für meine Angst gesucht. Warum nur? Ich glaube, da gibt einem keiner eine Antwort drauf. Es wird eine Mischung aus vielen Gründen geben. Und die Angst deutet mir vor allem auf meine derzeitige Überforderung hin.
Das Ganze geht seit über einem Jahr. Die gute Nachricht: ich lebe immer noch, tat gar nicht so weh. War es Nachhinein alles doch nie so schlimm, wie ich es mir ausgemalt hatte. Eine ebenso wichtige Erkenntnis: Es wird nie so schlimm, wie du denkst. Das meiste passiert in deinem Kopf… Ich gehe mit festem Schritt auf sehr wackeligen Boden. Ich versuche täglich an meine innere Stärke zu appellieren um weiterzugehen. Die Angst hat mich viel gelehrt, so sehr ich sie mir auch weg sehne: sie hat mich so vielen wunderbaren Menschen noch näher gebracht, weil man sich in den Gesprächen so geöffnet hat. Auch mein Blick auf das Leben ist ein anderer. Nie war mir klarer, dass das Glück in vielen Dingen liegt. Und damit meine ich keine großen Sachen sondern vielmehr die Kleinigkeiten, die Glücksmomente, die das Leben lebenswert machen. Und die genieße ich sehr. Manchmal zumindest, wenn ich es kann…Es gibt immer wieder Rückschläge und ich glaube die wird es auch immer geben. Aber die Angst muss mit mir leben, ich lasse mir nicht alles von ihr verbieten.
Ihr Angsthasen da draußen, geht euren Weg! Ihr seid nicht allein!!! Und ihr könnt so viel mehr, als der Kopf euch sagt. Ein Patentrezept gibt es leider nicht. So viele Gesichter wie die Angst hat, so vielfältig sind die Menschen, die von ihr betroffen sind. Hört gut hin, was eure Angst euch sagen will aber zeigt ihr im richtigen Moment auch den Mittelfinger. Verliert nicht den Mut und glaubt an euch. Ich tue es auch.
Herzengrüße

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Ein Gedanke zu “Gib der Angst ein Gesicht: Carina (28)

  1. Sehr spannender Einblick! Ich frage mich, ob Carina noch in ihrem Job arbeiten kann? Und was sie macht, wenn die Angst ganz akut während der Arbeitszeit anschwillt? Ich habe schon ordentlichen Bammel davor, nach der Reha wieder in den Arbeitsalltag zu starten…
    Und das Thema mit der Akzeptanz ist tatsächlich so ein großes Ding, das stimmt! Nicht leugnen und verdrängen. Das baut nur noch mehr Druck auf. Wundervoll geschrieben 🙂

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