Gib der Angst ein Gesicht: Tihi (30)

Wir alle wissen, wie wichtig es ist, sich selber zu lieben. Es wird so lapidar gesagt: Liebe dich selbst und alles ist prima. Doch mit dieser Aufforderung wissen wir nicht umzugehen. Für mich war es so, als müsste ich jetzt eine Fremdsprache reden. Das funktioniert nicht. Ich suchte in allen möglichen Bereichen Methoden. Ich liebte mich nicht und das schon eine ganze Weile. Im Aussen war das nicht sichtbar. Ich lachte, war gut drauf und die wenigsten wussten, welch inneren Kampf ich führte.

Eines kann ich sagen: Beim leidenschaftlichen Selbsthass war ich ganz weit vorne. Auch wenn ich wusste, wie destruktiv es ist und dass es mich nicht weiter bringt, die kritische Stimme wollte nicht aufhören. Dabei wollte ich doch liebevoll sein zu mir, wollte es unbedingt. Ich hatte es so satt, mich ständig unterzubuttern.

Mein Leben verlief hervorragend, so wie man es sich als konsumorientierter Mensch wünscht. Mit 30 Jahren hatte ich äusserlich alles, von dem ich glaubte, dass es mich glücklich macht. Zwei wunderbare Kinder, einen wunderbaren Mann, mit dem ich schon 11 Jahre verheiratet bin. Ich hatte ein Haus, ein tolles Auto und eine top Arbeitsstelle. Nur glücklich fühlte ich mich nicht. In dieser Situation entstand zum ersten Mal der Gedanke: Du bist nicht normal. Alle anderen wären froh, das zu haben was du hast. Ich fühlte mich trotz dem Übermass an Materiellem nicht erfüllt. Im Gegenteil. Ich fühlte mich leer und unerfüllt.

Ich wurde immer unzufriedener, bekam körperliche Symptome. Tinnitus, Schwindel, Unruhe, Müdigkeit, Erschöpfung. Dadurch, dass ich ein sehr empfindsamer Mensch bin, war ich dann ständig mit meinen Symptomen beschäftigt. Die machten mir Angst, weil ich es liebte, alles unter Kontrolle zu haben und ich lange nicht verstand, das wir keine Kontrolle haben. Ich versuchte, für alles eine Erklärung zu finden und begann, all meine Symptome zu googlen. Ou je. Ich las „psychisch“ und assoziierte den Begriff mit bekloppt sein, weil ich gar nicht recht wusste, was das überhaupt bedeutet.

Eines wusste ich aber gewiss an diesem Tag und das werde ich nie vergessen. Da kam der Gedanke, der mich dann ständig begleitete: „Mit mir ist irgendetwas nicht in Ordnung.“ Damals wusste ich noch nicht, dass Gedanken nur Gedanken sind. Ich wusste nicht, dass es Bewertungen gibt. Ich wusste nur eines. Ich hatte Angst, Stress und Traurigkeit. Mit diesen Gefühlen war ich überfordert. Ich wollte mich nicht so fühlen, sondern nur glücklich sein. Verzweifelt wie ich war, ging ich zum Arzt, der mir dann verschiedene Antidepressiva verschrieb. Innerhalb von 10 Minuten besass ich nun das Etikett: Angststörung, depressive Verstimmung, Hypochondrie.

Na toll. Und nun? Ich dachte mir: „Ok, ich armes Ding bin psychisch krank.“ Diese Diagnose trieb mich in eine Schleife des Suchens, des Ruderns. Ich las viel, ich nahm an Trainings teil, ich lernte alles, was es so gab. Mein Interesse an Psychologie wuchs. Ich wollte herausfinden, warum wieso weshalb. Machte eine Verhaltenstherapie, eine Gesprächstherapie und alles, was die Schulmedizin noch zu bieten hatte. Dann suchte ich weiter. Liegt es vielleicht an einem Vitamin Mangel? Oder doch an den Genen? Meine Mama war lange depressiv und mir kam der Gedanke: „Oh du Scheisse. Es ist veranlagt. Ich bin hilflos. Ein Opfer.“

Durch Ina Rudolph kam ich zu the work von Byron Katie. Ich las Bücher von ihr und erkannte etwas Wunderbares, das mich sofort frei fühlen liess. Ein Zitat von Katie hiess:

Gedanken sind nichts persönliches, die kommen einfach. Hinterfrage sie und stelle fest; keine deiner Überzeugungen ist wahr. Dies zu wissen bedeutet Freiheit.

Dieser Satz öffnete meine eingefleischte Meinung über mich. Wenn ich meine Gedanken verändere, verändert sich das Gefühl. So workte ich am Anfang über andere, workte wie ein Weltmeister alles was in mir Stress auslöste. Ich wollte frei sein und dachte, irgendwann werde ich zur Ruhe und zu innerem Frieden kommen. Nach einiger Zeit erkannte ich, dass es nicht aufhörte und dass Gedanken-Unterdrückung nicht funktioniert. Unser Mind ist so gestrickt, dass er zu allem einen Kommentar von sich gibt. Was nun?

Achtsamkeit.

Ich fing an, bewusst meine Gedanken zu beobachten. Dadurch erkannte ich, da ist was, das beobachtet. Im Buddhismus nennt sich das Bewusstsein. Wow, interessant! Man schaut nicht auf den Gedanken, sondern durch ihn. Auch das ist eine Übungssache. Es ist wie ein Muskel, den man trainiert.

Ich erkannte sehr spät, dass nicht ich meine Gedanken mache. Sie entstehen in mir durch Erfahrung, Erinnerung, Konditionierung. Ich entscheide meine Gedanken nicht bewusst. Es ist wie ein Autopilot, der mich steuert. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich jetzt ausruhe und die Verantwortung abgebe. Ich trage die Verantwortung dafür, ob ich meine Gedanken glaube oder ob ich sie vorbeiziehen lasse. Darauf habe ich Einfluss. Dieses Handeln ist meine Angelegenheit. Ich kann das Alte, egal wie unnütz es ist, nicht bekämpfen, weil es ein Kampf gegen einen Teil von mir wäre. Wie es sich wohl anfühlt, gegen sich zu kämpfen? Lieber schliesse ich Frieden mit dem Kritiker. Er meint es nicht böse. Er will mich nur beschützen.

Wenn sich heute der Kritiker meldet, erkenne ich es und lasse ihn seinen Job machen. Es ist das, was er gelernt hat. Über Jahre hinweg hat man sich angewöhnt, sich von ihm auf den Deckel hauen zu lassen. Das lässt sich nicht so leicht abstellen und ist auch nicht mein Ziel.

Mein Ziel ist es, mit mir selber Mitgefühl zu entwickeln, wie mit einem Kind, das überfordert ist. Ich nehme es in den Arm und kümmere mich um seine Bedürfnisse. Dadurch wird das Kind wahrgenommen, getröstet und darf sich zeigen. Ich muss es nicht anschreien und beschimpfen, so kalt und böse. Das ist der Punkt: Wie können wir erwarten, dass es uns gut geht, wenn wir solche masochistischen Gedanken haben? Das funktioniert nicht.

Selbstmitgefühl, Akzeptanz und Achtsamkeit sind die Bausteine, die uns immer und immer wieder daran erinnern, zurück zum Ursprung zu kommen. Zur bedingungslosen Liebe. Zu dem, was wir waren vor all den Konditionierungen wie richtig/falsch, laut/leise, böse/lieb usw. Wir haben es immer so gut gemacht, wie wir konnten. Alles ist gut, wie es ist. Die Gedanken sind wie kleine Kinder. Sie wollen wahrgenommen werden. Ich darf hinschauen! Schauen, ob die Bewertung, die ich mache, wirklich wahr ist.

Ich erkenne immer öfters, das kein Gedanke wahr ist. Es ist der Glaube an den Gedanken, der ihn als Wahrheit sieht.

Ich bin ich. Ob sensibel, ängstlich, laut oder chaotisch. Yes! Und das Tolle ist, wer zu mir sagt, dass es nicht ok ist, so zu sein wie ich bin, das kann ich dann wunderbar mit the work hinterfragen. Bin ich schwach, wenn ich sensibel bin? Stimmt das wirklich? Nein. Wenn man sensibel ist, ist man stark. Das kann doch genauso stimmen.

Wer möchte, soll seine Gedanken mit the work überprüfen.

Eines weiss ich gewiss: Ich darf so sein, wie ich bin!

Alles Liebe,

Tihi

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